G7, drei G, 5G: Wie die „Gs“ unser Leben bestimmen
Veröffentlicht: 13. Juni 2021 Abgelegt unter: Corona, Internationale Politik, Wirtschaft | Tags: G7, G8, Klimaschutz Ein KommentarMan kann schon durcheinander kommen mit den ganzen „G“-Abkürzungen. „GG“ steht für das Grundgesetz, das muss man uns nicht erklären. Aber was ist die „G-10-Kommission“? Das könnte die Einemillioneurofrage bei Günter Jauch sein. Hat auch irgendwie etwas mit dem Grundgesetz zu tun, genauer mit Art. 10, der ein bisschen ausgehebelt werden soll, damit die Bundesnachrichtendienste in unserem Privatleben rumschnüffeln können.
In aller Munde sind derzeit die drei G – geimpft, genesen, getestet. Für Freunde der großen Verschwörung gehören dazu auch die Gechipten, also eigentlich vier G. Bei „5G“ wiederum denken die einen an autonomes Fahren, die anderen an gefährlichen Elektrosmog und lückenlose Überwachung unserer täglichen Toilettengänge, womit wir wieder beim Artikel 10 des Grundgesetzes wären. Vom Telefonieren auf dem Abort wird dringend abgeraten, auch weil schon manches Handy im Abfluss verschwand.
Und was war nochmal „G7“? Schon wieder vergessen? Heiligendamm 2007? Massiver Polizei- und Bundeswehreinsatz gegen Protestierer? Traurige Berühmtheit erlangte der G8-Gipfel 2001 in Genua wegen der brutalen Polizeiübergriffe gegen Demonstranten. Übrigens hieß die G7 damals noch G8, weil die Russen noch dabei waren. Und ganz zu Beginn, bei der Gründung dieses elitären Zirkels im Jahr 1975, umfasste die Gruppe nur sechs Staaten. Aber jetzt mal der Reihe nach. Die G7-Staaten, das sind die sieben derzeit wichtigsten Industrienationen der Welt: USA, Deutschland, Frankreich, Italien, Vereinigtes Königreich, Kanada, Japan. Angefangen hat das Ganze 1973 als informelle Gruppe der fünf Staaten USA, Frankreich, Deutschland, United Kingdom, Japan. Mit Italien und Kanada wuchs die Gruppe 1976 zur G7. 1998 kam Russland dazu, ab da also G8. Die bösen Russen wurden 2014 wegen der Intervention in der Ukraine wieder ausgeschlossen. In Anlehnung an das Lied von den zehn kleinen people of color heißt es also seit 2014: da waren´s nur noch sieben.
Es gibt noch weitere Zusammenschlüsse: G10, G15, G20, G77 und natürlich die Vereinten Nationen, die als einzige globale Organisation Völkerrechtssubjekt sind. Bei der G7-Gruppe gibt es eine vergleichbare Legitimation nicht. Egal ob sechs, acht oder sieben: Das Attribut, wichtig zu sein, haben sich die Mitglieder dieses elitären Clubs selbst verliehen. Es gibt kein demokratisches Mandat und keine irgendwie geartete Repräsentativität. Themensetzung und Entscheidungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Proteste der Zivilgesellschaft und von Globalisierungskritikern werden mit einem riesigen Kosten- und Sicherheitsaufwand ferngehalten und niedergeknüppelt. Beim Gipfel in Heiligendamm wurden auch erhebliche Behinderungen der Presse beklagt.

Wohin mit den Händen? Und wer hat die Länge der Hosenbeine kontrolliert?
Die Chefs der G7 kommen derzeit zu ihrem Gipfeltreffen in Cornwell in Großbritannien zusammen – genauer: Die Chefs und Chefinnen – dabei sind nämlich auch zwei Frauen: Angela Merkel für Deutschland und Ursula von der Leyen für die EU (die Gaststatus hat). Zum Abschluss des Treffens am heutigen 13. Juni 2021 wird eine Erklärung zum Klimaschutz erwartet. 100 Milliarden Dollar, so hört man, wollen die reichen Länder jährlich in den armen Ländern für den Klimaschutz investieren. Das klingt nach viel Geld, allerdings nicht, wenn man dieser Zahl die weltweiten Rüstungsausgaben gegenüberstellt (2020 = 1.981 Milliarden Dollar; Quelle: CIPRI). Außerdem wurden ähnliche Zusagen in der Vergangenheit nur zum Teil eingelöst. Skepsis ist also geboten.
Ähnlich kritisch muss man die Erklärungen der G7 zur globalen Verteilung der Corona-Impfstoffe bewerten: Eine Milliarde Impfstoffdosen wolle man an die ärmeren Länder spenden. Das ist eher peinlich Angesichts der Tatsache, dass die reichen Länder das Gros der auf dem Markt verfügbaren Impfstoffe für sich reserviert haben und die armen Länder deshalb das Nachsehen haben. In Südafrika zum Beispiel konnten bisher lediglich zwei Prozent der Bevölkerung mangels genügend Impfstoff geimpft werden. Die G7 sind sich zudem nicht einig in der Frage der Aussetzung der Patente auf die Impfstoffe. Deutschland ist dagegen.
Die Abschlusserklärung des G7-Gipfels steht zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Blogbeitrags noch aus. Große Überraschungen sind jedenfalls nicht zu erwarten.
Profitmaximierung mit Krankheit: Wie krank ist das denn?
Veröffentlicht: 23. Mai 2021 Abgelegt unter: Corona, Gesellschaft, Innenpolitik, Wirtschaft | Tags: Coronahilfen, Fresenius, Gesundheitswesen, Helios, Krankenhäuser 4 KommentareKrankenhäuser gehören zur öffentlichen Daseinsvorsorge. Sie werden in der Regel von Kommunen und freigemeinnützigen Einrichtungen betrieben, zunehmend aber auch von kommerziellen Trägern. Die Privatisierung im Gesundheitswesen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Deutschland hat weltweit eine der höchsten Anteile an privatisierten Krankenhausbetten.
Mit dem Betrieb von Krankenhäusern kann man offenbar richtig fette Gewinne machen. Während kommunale und freigemeinnützige Krankenhäuser ums wirtschaftliche Überleben kämpfen, konnten private Krankenhausträger sogar in Coronazeiten Umsatz und Profit steigern. Die Krankenhausgesellschaft Helios, mit 89 Häusern der größte private Krankenhausbetreiber in Deutschland, ist über die Muttergesellschaft Fresenius als DAX-Unternehmen an der Börse notiert. Allein das Helios-Klinikum München hat im letzten Jahr 20 Mio. Euro Gewinn gemacht. Der Gewinn vor Steuern für alle 89 Kliniken der Gesellschaft betrug 2020 600 Mio. Euro (Quelle: Die Zeit vom 12.05.2021) . Bei der Hauptversammlung von Fresenius an 20.05.2021 konnten sich die Aktionäre über eine schöne Dividende freuen: 1,34 Euro pro Aktie für 2020. 2019 waren es noch 1,20 Euro.
Was daran schlecht sein soll? Das sollte man mal das medizinische Personal fragen, denn da wird kräftig gekürzt. Für die hohen Gewinne der privaten Klinikbetreiber gibt es vor allem zwei Gründe: Einsparungen beim Personal und Staatsknete für die Aufstockung der Intensivbetten wie bei der Helios-Gruppe von 900 auf 1.500. „Von verschiedenen Ärzten wird den Helios-Kliniken vorgeworfen, dass Personal auf Kosten von Menschenleben eingespart wird. Zum Teil müssten Notfälle abgelehnt werden, weil kein Personal vorhanden sei. Trotzdem ist geplant, bis zu zehn Prozent der Arztstellen im Konzern abzubauen. Obwohl der Gewinn von 2019 auf 2020 um 43 Prozent gesteigert werden konnte, wird durch die geplanten Kündigungen den Anteilseignern eine noch höhere Dividende in Aussicht gestellt.“ (zit. nach Wikipedia, abgerufen am 23.05.2021). Diese Aussage wird von Fresenius-Chef Stephan Sturm unverblümt bestätigt: „Es werde eine gezielte Verringerung von Arztkapazitäten geben. Das sei notwendig, um unsere Profitabilität zu sichern“ (Die Zeit vom 12.05.2021). Mehr muss man dazu eigentlich nicht erläutern. Dazu kommen die staatlichen Corona-Hilfen. Dank der von Gesundheitsminister Spahn erfundenen Freihalteprämie konnten die Helios-Kliniken durch die Aufstockung von Intensivbetten ordentlich staatliche Corona-Hilfen abgreifen, nämlich 740 Mio. Euro – trotz weniger Behandlungen im Jahr 2020.
Die taz kam schon im November 2018 zu folgender Schlussfolgerung: „In einfachen Worten kann man das so dechiffrieren: Nicht mehr der Kranke ist Gegenstand der Medizin, der Heilkunst, sondern die Krankheit ist Gegenstand eines Programms; um es genau zu sagen: eines profitablen Wirtschaftsprogramms. Das ist die Konkretion der Verwandlung des Gesundheitswesens in eine Gesundheitswirtschaft.“
Das war 2018 richtig und ist im Mai 2021 offenbar noch richtiger.
Freiheit! Ist die wichtig oder kann die weg?
Veröffentlicht: 16. Mai 2021 Abgelegt unter: Corona, Gesellschaft | Tags: Freiheit Ein KommentarKaum ein Begriff wird in diesen Tagen so strapaziert wie der der Freiheit. Corona macht´s möglich. Jetzt, wo vom Lockdown gelockert wird und die Einschränkungen der bürgerlichen Freiheitsrechte aufgehoben werden, wenn auch scheibchenweise, tönt allenthalben Jubel: Endlich wieder Biergarten! Nach Malle fliegen! Party machen!
Nichts gegen Biergärten, aber ist es das, wofür die französische Revolution gekämpft und was uns die Aufklärung versprochen hat? „Freiheit in meiner Sprache heißt Libertà!“ – so beginnt eines der schönsten Lieder der kürzlich verstorbenen Sängerin Milva. Bei Westernhagen heißt es: „Freiheit ist die einzige, die fehlt“. Jede/r meint offenbar etwas anderes, wenn von Freiheit die Rede ist.
Der Begriff Freiheit ist vielschichtig. Das Freiheitsverständnis der FDP, die für sich in Anspruch nimmt, als einzige politische Partei die wahren Freiheits- und Bürgerrechte zu vertreten, dabei aber in erster Linie an die Freiheit der Besserverdienenden denkt, muss man nicht unbedingt zum Maßstab nehmen. Andere wiederum reklamieren für sich individuelle Freiheitsrechte ohne Rücksicht auf die Belange des Gemeinwohls. „Freie Fahrt für freie Bürger“ war, glaube ich, mal ein von CDU und ADAC gemeinsam vertretener Slogan, um die ungebremste Raserei auf deutschen Straßen zu rechtfertigen. Freiheit eben.
Der Brockhaus (Hinweis für die Jugend: das ist so eine Art Wikipedia, nur gedruckt und in dicke Bücher gebunden) behandelt Freiheit als Schlüsselbegriff über mehrere Seiten und erläutert ihn unter philosophischen, neurowissenschaftlichen, politischen, rechtlichen und theologischen Aspekten. Das muss man nicht alles lesen oder verstehen, aber zwei Dimensionen von Freiheit seien hier erwähnt: Die negative Freiheit meint die Freiheit von Gewalt, politischer Unterdrückung, Hunger, Armut als äußere Faktoren, aber auch die Abwesenheit von inneren Blockaden wie z.B. Drogenabhängigkeit. Demgegenüber steht die positive Freiheit, also die Freiheit, autonom zwischen verschiedenen Handlungsoptionen entscheiden zu können (heimischer Biergarten oder Ballermann). Was so nicht im Brockhaus steht: Wer das Pech hat, unter Gewalt, Armut, politischer Verfolgung etc. zu leben, dessen Wahlmöglichkeiten im Sinne einer positiven Freiheit reduzieren sich auf den Kampf ums tägliche Überleben. Nix mit Biergarten, Malle, Party.
Eine zweite Dimension, die mir erwähnenswert erscheint, ist die Diskussion aus neurowissenschaftlicher Perspektive. Eine – wenn auch umstrittene – Theorie besagt, dass unsere Bewusstseinsleistungen und unsere Handlungen auf neuronalen Aktivitäten bestimmter Hirnareale beruhen, die von äußeren Reizen determiniert werden. Zu Ende gedacht bedeutet dies, dass wir keine freien Entscheidungen treffen (können), sondern alle Gefühle, Erfahrungen und Entscheidungen auf biochemischen datenprozessierten Algorithmen beruhen. Diese Auffassung von einem algorithmischen Determinismus des menschlichen Handelns vertritt übrigens der vielgelobte Yuval Harari in seinem Buch „Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen“. Die logische und auch erschreckende Konsequenz aus einem solchen reduktionistischen Menschenbild, folgt man der Argumentation von Harari, ist der Verzicht auf die Demokratie: „Was hat es für einen Zweck, demokratische Wahlen abzuhalten, wenn Algorithmen wissen, wie jede Person abstimmen wird, und wenn sie auch die exakten neurologischen Ursachen dafür kennen, weshalb eine Person die Demokraten wählt und eine andere die Republikaner?“
In diesem Land wurde im Kontext der Corona-Pandemie bereits von der totalen Abschaffung der demokratischen Freiheiten und vom Schreckgespenst einer totalitären Diktatur schwadroniert, jedoch aus ganz anderen Motiven und Argumentationsmustern als denen von Harari. Eine kritische Sicht auf die von der Regierung verordneten Maßnahmen, die zur Eindämmung der Pandemie dienen sollten, ist angebracht. Nicht alles, was uns in den letzten 15 Monaten abverlangt wurde, hat sich als planvoll und wirksam im Hinblick auf die Pandemiebekämpfung erwiesen. Und für viele Menschen wie etwa Freiberufler, Gastronomen und Kulturschaffende hatten und haben die Einschränkungen eine Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Existenz mit sich gebracht. Deren berechtigte Sorge um ihre Zukunft wurde von dem hysterischen Geschrei der Verschwörungsanhänger übertönt.
Was uns die Krise vielleicht ganz neu ins Bewusstsein gerufen hat: Wir leben in einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Und es ist längst nicht alles gut in diesem System. Die Demokratie ist stabil, aber nicht ungefährdet. Die Gefahr droht von rechts, von AfD, Neuen Rechten und gewaltbereiten Neonazis. Angriffe auf Pressevertreter, der Ausschluss von kritischen Medien aus Veranstaltungen der Rechten, die Ereignisse unter der Trump-Regierung in den USA, die Verfolgung kritischer Medien in der Türkei und anderswo zeigen, dass die Pressefreiheit bedroht ist. Auf der Rangliste von Reporter ohne Grenzen ist Deutschland bei der Pressefreiheit auf Platz 13 abgerutscht und damit nur noch mit zufriedenstellend bewertet. Auch um die Meinungsfreiheit war es schon mal besser bestellt: Eine übertriebene political correctness und rigorose cancel culture will unbequeme Meinungen zum Schweigen bringen. „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ – so Rosa Luxemburg 1918.
Schön und gut, wenn wir nun bald wieder unsere verbrieften bürgerlichen Freiheitsrechte uneingeschränkt wahrnehmen können. Was es wirklich bedeutet, in Unfreiheit zu leben, sehen wir in den alltäglichen Nachrichten aus Myanmar, Afghanistan, der Türkei, Belarus, Russland, Nordkorea, usw. Von Meinungsfreiheit, Gewissensfreiheit, Pressefreiheit, Glaubensfreiheit, die für uns so selbstverständlich sind, können Menschen in diesen Ländern nur träumen. Darüber sollten wir mal reden, gerne beim nächsten Hock im Biergarten, bei der „Querdenker“-Demo oder mit der Sitznachbarin / dem Sitznachbarn auf dem Flug nach Mallorca.
Impfen: Zur Sache, Schätzchen
Veröffentlicht: 1. April 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Corona, Gesellschaft | Tags: Corona, Impfen, Uschi Glas 4 Kommentare
Uschi Glas hat sich impfen lassen und wirbt für die Corona-Schutzimpfung: „Damit ich endlich wieder meinen Enkel drücken kann“. Mal abgesehen davon, dass der Enkel vielleicht gar nicht von der Oma gedrückt werden will: Mensch Uschi! Hast du nicht 1968 in dem Film „Zur Sache, Schätzchen“ die Polizei mit einem Striptease von ihrer Ermittlungsarbeit abgelenkt? Und jetzt willst du uns mit deinem entblößten Oberarm davon ablenken, dass es mit „Ärmelhoch für die Impfung“ nicht getan ist? Ich und viele meiner Mitmenschen sitzen seit Wochen mit aufgekrempeltem Ärmel in der Gegend rum, ohne dass eine Impfnadel am Horizont zu sehen ist.

Dein Partner Werner Enke, der in dem Film einen auf coole Sau machte, hat dir erklärt, was „fummeln“ bedeutet, nämlich „sich unsachgemäß an einer Sache zu schaffen machen“. Die Sache warst natürlich du. Wir haben dich angehimmelt und wussten damals noch nicht, dass Du Helmut Kohl und Franz-Josef Strauß verehrst, gerne in Glitzerglimmer auftrittst und deine „Uschi Glas hautnah Face Cream“ von der Stiftung Warentest mit „mangelhaft“ bewertet wurde. Also bitte, bevor du deinen Enkel drückst, wenigstens die Uschi-Glas-Hautcreme abschminken.
Corona: Aus Ostern das Beste machen
Veröffentlicht: 25. März 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Corona, Gesellschaft | Tags: Corona, Kontaktbeschränkungen, Ostern Ein KommentarAuch dieses Jahr findet Ostern unter Coronabedingungen statt. Über die Maßnahmen der Bundesregierung zur Bekämpfung der Pandemie wollen wir uns hier nicht auslassen. Die Kakophonie der Stimmen aus Opposition, Wirtschaft, Coronaleugnern, Wissenschaft, AfD, Mallorca-Reisenden, RKI, Bildzeitung, Tourismusbranche, Bordellbetreibern usw. ist schon groß genug.
Hier ein paar persönliche Empfehlungen, wie man trotzdem die Ostertage sinnvoll gestalten kann:
Familienbesuche: Kann man machen, da erfahrungsgemäß gut geeignet für die Pflege und Aktualisierung innerfamiliärer Konflikte. Für den Fall, dass Sie die regierungsamtlichen Besuchseinschränkungen noch nicht verstanden haben, hier eine Anleitung für die Befestigung an der Wohnungstür:

Gottesdienstbesuche: Wer darauf nicht verzichten möchte, bitte dran denken, Impfbuch, Mundnasenschutz, Desinfektionsmittel, Zollstock (wegen Abstand) und Kontaktnachverfolgungsformular bereithalten. Ungetaufte sollten tunlichst nicht vor der Kirche parken, damit nicht passiert, was hier angedroht wird:

Impftermin buchen: Wer impfberechtigt ist, kann die Osterfeiertage damit ausfüllen, eine Onlinebuchung für einen Impftermin zu versuchen. Das erfordert Geduld. Die größten Chancen, einen Termin zu ergattern, bestehen zwischen Mitternacht und 3:00 Uhr.
Gesellschaftsspiele sind wieder in: Es muss gar nicht das brutale Rauswerfspiel „Mensch ärgere Dich nicht“ sein oder das kapitalistische Monopoly, wo man mit Immobilien Mieter schamlos ausbeuten kann. Wie wär´s mit „Pandemie – Können Sie die Menschheit retten?“

Osterspaziergang a la Goethe: „Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“ Also raus „aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern“ wo das Virus sich in ungelüfteten Räumen tummelt – würde Goethe heute vielleicht dichten. Aber wahrscheinlich wird uns das Osterwetter, so prognostiziert Herr Kachelmann, auch dieses kleine Vergnügen vermiesen. Seufz.
Ach ja, und noch was: Onlineshopping as much as possible, die Lieferdienste müssen ja auch beschäftigt werden! Das geht doch immer. Erst einmal alles bestellen, was nicht niet- und nagelfest ist. Zurückschicken kein Problem. So halten wir trotz Corona die Wirtschaft am Laufen.
Impftermine buchen kann süchtig machen
Veröffentlicht: 10. März 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Corona | Tags: Corona, Impfen, Impftermine 7 KommentareEine neue Sucht grassiert im Land: Wir buchen uns einen Impftermin. Online oder telefonisch, es ist ein bisschen wie Lotto spielen. Jemand aus meinem Bekanntenkreis hat nach neun Tagen und ungezählten Versuchen zu allen Tages- und Nachtzeiten einen Treffer erzielt. Andere, so hört man, haben sofort das große Los gezogen. Ich selbst bin erst seit zwei Tagen impfberechtigt, aber schon zeigen sich erste Anzeichen einer Sucht. Einen Impftermin buchen, das ist im Prinzip ganz einfach. Entweder die Telefonnummer 116117 anrufen oder über die Internetseite: www.impfterminservice.de. Beim Telefonanruf bekommt man, wenn es gelingt, die Ansage der Warteschleife zu durchbrechen und einen richtigen Menschen zu erreichen, die Auskunft, dass in den Impfzentren in 100 km Umkreis vom Wohnort aktuell keine freien Impftermine zur Verfügung stehen. Die online-Buchung kommt zum gleichen Ergebnis:

Wir probieren es also später erneut. Seit heute gibt es, und das ist offenbar neu, auf dem online-Portal einen „virtuellen Warteraum“:

„Wir bitten um etwas Geduld“ – wieviel aber ist „etwas“?, und „Sie müssen nichts weiter tun“. Jetzt mach das mal über mehrere Stunden, das Nichtstun, wenn Du nicht durch jahrelange Meditation darin geübt bist. Ich wurde auch erst beim dritten Versuch „automatisch weitergeleitet“. Im realen Wartezimmer beim Arzt könnte man wenigstens alle Zeitschriften lesen, die dort üblicherweise ausliegen. Du traust Dich auch nicht, für längere Zeit den Computer zu verlassen, denn es könnte ja sein, das just in dem Moment dein Impftermin angeboten wird, und wenn Du vom Klo zurück bist, ist er schon wieder vergeben.
Ich wurde dann aber tatsächlich irgendwann automatisch weitergeleitet und durfte angeben, ob ich auch wirklich zu den Impfberechtigten gehöre. Und dann diese hoffnungsvolle Meldung:

Ich habe dann meine Mailadresse und meine Mobilfunknummer eingegeben und schwuppdiwupp bekam ich eine 6-stellige PIN geschickt, die ich in die folgende Maske eingeben musste:

Leider erfolgte trotz korrekter Eingabe der PIN die Meldung „Technischer Fehler“. Gut, das kann ja mal passieren. Bei der Bahn heißt das „betriebsbedingte Störung“. Bevor ich das Programm bitten konnte, mir eine neue SMS mit neuer PIN zu schicken, war das Anfragelimit erreicht, was immer auch das bedeuten mag:

Ich probiere es weiter. Irgendwann, so sagt die Lebenserfahrung, wird es auch für mich einen Impftermin geben. Frau Merkel und Herr Spahn haben es versprochen.
Leicht verderblich: Was Obst und Kleidung gemeinsam haben
Veröffentlicht: 28. Februar 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Corona, Gesellschaft, Wirtschaft | Tags: Altkleider, Lieferkettengesetz, Mode, Textilindustrie 2 KommentareWenn es nach der Modebranche geht, dann sollten wir mindestens zweimal im Jahr unseren Kleiderschrank ausmisten und die neue Frühjahrs- oder Herbstkollektion kaufen. Würden wir diesem Konsumdiktat auch nur eingeschränkt folgen, dann würde das in einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren zu einem kompletten Austausch unserer Garderobe führen – je nachdem, wie modebewusst und ausgabenfreudig mensch ist. Wer als Wohnungslose/r unter der Stadtbahnbrücke logiert, hat naturgemäß geringere Ansprüche an eine adrette Garderobe als der Versicherungsdirektor, die Nachrichtensprecherin, die/der Bankangestellte/r oder die Kosmetikerin. Bei vielen meiner Hemden, Pullover, Hosen ist die Mindesthaltbarkeit längst abgelaufen, aber ich trage sie immer noch gerne. Neulich habe ich einen dreißig Jahre alten Jogginganzug schweren Herzens in die Altkleidersammlung gegeben. Eigentlich war er noch brauchbar.
Bei Modeartikeln gibt es auch in normalen Zeiten eine Überproduktion – von zehn bis dreißig Prozent ist die Rede. Nicht verkaufte Ware wird entweder verramscht oder landet in der Müllverbrennungsanlage. Corona hat das Problem unverkaufter Kleidungsstücke nun drastisch verschärft. Wie die ZEIT (Nr. 8 vom 18.02.2021) berichtet, könnte mindestens eine halbe Milliarde Kleidungsstücke diesen Winter in Deutschland unverkauft bleiben. Für die stationären Modehändler ist das dramatisch. Viele werden die vorübergehende Schließung ihrer Läden nicht überleben. Die Hersteller, so berichtet die ZEIT, haben die Produktion aufgrund der aktuellen Situation deutlich gedrosselt, mit der Folge, dass hundertausende Textilarbeiterinnen in den Zulieferbetrieben in Bangladesch, Indien oder Pakistan arbeitslos werden.
Angesichts dieser Situation traut man sich kaum noch, die Frage zu stellen, ob es nicht ohnehin an der Zeit wäre, die Produktions- und Konsumbedingungen in der Textilindustrie grundsätzlich zu hinterfragen. Wer beim Kauf eines T-Shirts wissen will, unter welchen Bedingungen es produziert wurde und wieviel die Näherin in Bangladesch dafür bekommt, kann sich informieren. Das von Entwicklungsminister Müller angestrebte, kürzlich verabschiedete Lieferkettengesetz wurde von der Wirtschaft und von seinem Ministerkollegen Altmeier bis auf den letzten Blutstropfen blockiert und verwässert. Aber wir Verbraucher sollten nicht nur mit dem Finger auf die Wirtschaft und die Politik zeigen. Es ist wohlfeil, von Industrie und Handel nachhaltiges und ressourcenschonendes Wirtschaften einzufordern, wenn wir wenig getragene Kleidung aussortieren und im Altkleidercontainer entsorgen, damit wieder Platz im Kleiderschrank für den neuesten Modeschrei ist.
Endlich: Frisöre dürfen öffnen!
Veröffentlicht: 12. Februar 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Corona | Tags: Corona, Frisöre, Impftermin 2 KommentareHeute mal wieder ein Beitrag in eigener Sache: Als jemand, der sich bisher weitgehend klaglos mit dem Corona-Lockdown abgefunden hat (Schlafschaf?), bekenne ich mich dazu, dass ich – wie wohl viele andere Betroffene – dem Öffnen der Frisörsalons in freudiger Erwartung entgegenfiebre! Leider erst am 1. März, also noch drei Wochen bis dahin.


Die Regierung hat es allerdings versäumt, eine Hotline und eine Rangfolge für die Buchung von Frisörterminen einzurichten. Es ist vermutlich leichter, vor dem Sommerferien einen Impftermin zu bekommen. Der Pressesprecher des Zentralverbands für körpernahe Dienstleistungen rät zu folgendem Vorgehen: 116117 wählen und statt eines Impftermins einen Frisörtermin verlangen. Ist ja egal, in welcher Warteschlange man gerade steckt …
2021: Alles wird gut?
Veröffentlicht: 28. Dezember 2020 Abgelegt unter: Allgemein, Corona, Gesellschaft | Tags: Andreas Scheuer, Björn Höcke, Corona, Donald Trump, Eckart von Hirschhausen, Helene Fischer Hinterlasse einen Kommentar
„Alles wird gut“ – eine gewagte, eine naive, eine utopische Prognose? Natürlich wird nicht alles gut. Man stelle sich nur vor, wenn es doch so käme: Meine Gliederschmerzen – wie weg. Der Bürgerkrieg in Syrien – alle Kriegsparteien legen die Waffen nieder und schließen Frieden. Nie mehr Kindesmissbrauch hier und anderswo. Die Erderwärmung kommt zum Stillstand. Auch die armen Länder bekommen genügend Impfstoff. Helene Fischer bekommt öffentliches Singverbot. Die Todesstrafe wird weltweit abgeschafft. Die Deutsche Bank macht keine kriminellen Geldwäschegeschäfte mehr. Ferkel werden nur noch mit Betäubung kastriert oder am besten gar nicht mehr. Israel und Palästina schließen Frieden und einigen sich auf eine Zwei-Staaten-Lösung. Die LSBTTIQ-Community bekommt ein eigenes Ministerium. US-Polizisten erschießen keine Schwarzen mehr. Der Hund kotzt nicht mehr auf den Teppich. AFD und Bündnis 90/Die Grünen fusionieren zur neuen FUP (Friedens- und Umweltpartei). Eckart von Hirschhausen wird Bundeskanzler. COVID-19 mutiert zu einem harmlosen Grippevirus. Meine Enkeltochter bekommt den heißbegehrten Studienplatz in Wien, ich selbst den Friedensnobelpreis, optional auch den alternativen Friedensnobelpreis. Donald Trump kommt zu Verstand.
Diese Aufzählung ist nur eine persönliche, unvollständige Auswahl. Sie darf von den Leser*innen dieses Blogs gerne im Herzen oder per Kommentar ergänzt werden. Wünschen kann man sich alles. Auch, dass alles gut wird. Aber: Wie bitte soll das gehen? Wer soll am großen Rad drehen und alles gut werden lassen? Wie wär´s mit etwas mehr Realismus und Bescheidenheit und einem „Manches wird gut“? Schließlich könnte es ja auch noch schlimmer kommen – „Alles wird schlechter“. Zum Beispiel: Der Friedensnobelpreis 2021 geht an Donald Trump. Der Hund wird inkontinent. Die AFD gewinnt die Bundestagswahlen, Björn Höcke wird Bundeskanzler. Es wird eine allgemeine Aluhelmpflicht eingeführt. Meine Gliederschmerzen werden schlimmer. Die deutsche Fußballnationalmannschaft verliert gegen die Färöer-Inseln 10:0. Helene Fischer moderiert die Tagesthemen. Klopapier wird rationiert. Daimler, VW, BMW und Porsche fusionieren zu einem Megakonzern unter der Führung von Andreas Scheuer. Es werden noch mehr Porsche Cayenne verkauft. Strom, Benzin, Fleisch und Flugreisen werden teurer. Aber egal. Wir essen mehr Fleisch, fliegen wieder in den Urlaub auf die Malediven und die Aktienkurse steigen. COVID-19 wird vom Menschen auf Microsoft übertragen. Alles wird schlechter.
Also jetzt mal im Ernst: Nicht alles wird plötzlich gut werden. Ob manches gut wird, oder zumindest ein bisschen besser, das liegt nicht nur, aber auch in unserer Hand. Jede/r von uns kann dazu beitragen, dass manches etwas besser wird. Daher schließt dieser Blogbeitrag mit einem optimistischen Blick in das vor uns liegende Jahr. Alles wird gut – dahinter verbirgt sich wohl vor allem der Wunsch, die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Gefährdungen und Einschränkungen unseres Lebens mögen bald vorbei sein. Darauf darf man hoffen, auch wenn es keine Gewissheit gibt. Dann wäre alles andere, was in dieser Welt nicht gut ist, aber weiterhin nicht gut. „Nichts ist gut in Afghanistan“ – mit dieser Feststellung hatte Margot Käsmann in ihrer Neujahrspredigt 2010 einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. „Nichts ist gut“ und „Alles wird gut“ sind in ihrer Absolutheit Zuspitzungen, die weder die Gegenwart noch die Zukunft zutreffend beschreiben.
Dennoch: Eine utopische Haltung im Sinne von „Alles wird gut“ kann ja nicht schaden. Dafür hat auch Adorno plädiert: „Empfindsam bleiben ist eine gleichsam utopische Haltung, die Sinne für ein Glück geschärft zu halten, das nicht kommen wird, jedoch uns in Bereitschaft für es vor den ärgsten Verrohungen schützt“. Gerade in den düstersten Zeiten auf das „Alles wird gut“ zu hoffen ist also nicht naiv. Worauf sonst soll man denn hoffen?
Am 19.12.1944 schrieb Dietrich Bonhoeffer aus der Haft in der Prinz-Albert-Straße in Berlin, wenige Monate vor seiner Hinrichtung durch das NS-Regime, an seine Braut Maria von Wedemeyer „ein paar Verse, die mir in den letzten Abenden einfielen“. Und dann folgen diese tröstlichen Zeilen von den guten Mächten, von denen wir wunderbar geborgen sind und wir getrost erwarten dürfen, was kommen mag.
Erwarten wir also für 2021 getrost, was kommen mag – auch wenn nicht alles gut werden wird.
Impfstoff für Alle – oder doch nicht?
Veröffentlicht: 18. Dezember 2020 Abgelegt unter: Allgemein, Corona, Internationale Politik | Tags: Antonio Guterres, Bundestag, Corona, Impfstoff Hinterlasse einen Kommentar„Der Corona-Impfstoff muss ein globales öffentliches Gut und für alle Menschen zugänglich und bezahlbar sein“ – das forderte UN-Generalsekretär Antonio Guterres heute im Deutschen Bundestag und fand dafür großen Applaus.
Realität ist: Die EU und die großen Industrienationen haben fast die gesamte Produktion an Impfdosen bis Ende 2021 für sich selbst reserviert. Die Firmen Biontech und Pfizer wollen im kommenden Jahr 1,3 Milliarden Dosen ausliefern. Davon ist fast die Hälfte bereits durch Lieferverträge mit der EU, den USA, Japan, Australien, Großbritannien, Kanada vergeben. Die genannten Länder haben zusätzlich Optionen für 600 Millionen Dosen angemeldet. Da bleibt also für die armen Länder nicht mehr viel übrig.
Guterres hat in seiner Rede auch auf die globale COVAX-Initiative unter der Federführung der WHO hingewiesen. Diese Initiative soll sicherstellen, dass der Corona-Impfstoff weltweit gerecht verteilt wird. Zudem müsste ein Weg gefunden werden, dass die armen Länder den Impfstoff zu einem erschwinglichen Preis bekommen können. Die armen Länder werden die 34 Euro, die die Impfung pro Person kostet, nicht aufbringen können. Deshalb lautet eine Forderung, den Patentschutz für die Impfstoffe aufzuheben.
Das fordert auch Oliver Müller, Leiter von Caritas international in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk.
