Angie & Basti: We will miss you
Veröffentlicht: 2. Dezember 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Bundeswehr, Gesellschaft, Innenpolitik | Tags: Angela Merkel, Großer Zapfenstreich, Sebastian Kurz Hinterlasse einen KommentarDas kann doch kein Zufall sein: Abschied von Angela Merkel und Sebastian Kurz am gleichen Tag! Merkels Musikwunsch zu ihrem Abschied aus dem Amt der Bundeskanzlerin beim Großen Zapfenstreich: „Du hast den Farbfilm vergessen“ von der punkigen Nina Hagen. Kann das Bundeswehr-Orchester das überhaupt? Wie man hört, waren die Musiker davon überrascht und mussten länger üben. Das wäre nicht nötig gewesen, hätte sich Merkel stattdessen gewünscht: „Wie oft sind wir geschritten, auf schmalen Negerpfad“. Das hätte die Bundeswehr vermutlich ohne lange zu üben hingekriegt (Siehe meinen Blogbeitrag vom 21. November).
Angela: Warum hast Du nicht „Angie“ von den Stones gewählt? („Angie, du bist wunderschön, aber ist es nicht langsam Zeit Auf Wiedersehen zu sagen?“) Auch hätten sich noch andere Titel angeboten: „Morgen muss ich weg von hier“, „Ach sie naht die Abschiedsstunde“, „Zeig uns zum Abschied noch einmal die Raute“. Wir erwarten eine Erklärung für Deine Liedauswahl.
Sebastian Kurz, Ex-Kanzler von Österreich, dieser smarte, glatte Typ, der jede Schwiegermutter zu orgiastischen Gefühlswallungen bringen dürfte, will sich, so hören wir heute, vollständig aus der Politik zurückziehen. Der Grund: Die Geburt seines Sohnes vor wenigen Tagen (schluchz! schneuz!). Die Korruptionsvorwürfe gegen ihn haben da garantiert überhaupt keine Rolle gespielt. Basti: Echt jetzt? Mit 35 Jahren Rückzug aus der Politik? Wie das? Und was willst du denn jetzt machen, außer Windeln zu wechseln? Und welches Lied hättest Du dir zum Abschied gewählt? Vielleicht das hier: „Gehts Buama gehma hoam, was nutzt dös Ummaloahn? Was nutzt dös Ummastehn? Hoam müaß ma gehn!“
Eins steht jedenfalls fest: Wir werden euch, Angie und Basti, vermissen. Die eingewechselten Ersatzspieler Olaf Scholz und Alexander Schallenberger können euch emotional und performancemäßig nicht das Wasser reichen.
Corona-Mutation Omikron: Was das Virus von der Armut unterscheidet
Veröffentlicht: 29. November 2021 Abgelegt unter: Allgemein 3 KommentareEine Folge der Armut in weiten Teilen der Welt sind Flüchtlinge, die ihr Heil in Europa suchen und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen, weil es keine legalen Möglichkeiten gibt. Europas Antwort darauf lautet: Grenzen dicht, Stacheldraht und Pushbacks. Sogar Polen bekommt ausnahmsweise mal Applaus von deutscher (Merkel) und europäischer Seite für seine „Wir müssen draußen-bleiben-Politik“.
Was jetzt neue Besorgnis in Deutschland auslöst, nämlich die neue Corona-Mutation Omikron und ihre mögliche Ausbreitung auch bei uns, ist ein Ergebnis der ungerechten weltweiten Verteilung der Corona-Impfstoffe. UN-Generalsekretär António Guterres hat vor einem Jahr verlangt, die Impfstoffe als öffentliches Gut zu betrachten und für alle Menschen zugänglich und bezahlbar zu machen.

Das ist nur sehr ungenügend geschehen. Die reichen Länder haben sich mehr Impfstoffe gesichert als nötig, die armen Länder schauen in die Röhre, trotz der sog. Covax-Initiative, die zu einer gerechteren Verteilung des Impfstoffs beitragen soll. Dabei ist bekannt, dass nur eine weltweite Eindämmung der Corona-Pandemie langfristig zum Erfolg führen kann. Die reichen Länder des Nordens können sich nicht alleine vor dem Virus schützen.
Das gilt im Grunde auch für die Armut. Wir können nicht unseren Wohlstand bewahren, während in anderen Teilen der Welt Armut, Hunger, Krieg und Klimawandel Menschen die Lebensgrundlagen rauben und zur Migration zwingen. Der feine kleine Unterschied zum Virus: Menschen kann man an Grenzen abwehren, wenn es sein muss mit Gewalt. Das funktioniert beim Virus nicht, wie wir in diesen Tagen sehen.
Bundeswehr in Mali: Heia Safari?
Veröffentlicht: 21. November 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Bundeswehr, Pazifismus | Tags: Bundeswehr, Mali 5 KommentareWas macht die Bundeswehr in Mali? Sie beteiligt sich mit ca. 900 Soldatinnen und Soldaten an der UN-Blauhelm-Mission MINUSMA (Mission multidimensionnelle intégrée des Nations Unies pour la stabilisation au Mali). Der Einsatz ist politisch umstritten und gilt als gefährlich. Zuletzt wurden auch Bundeswehrangehörige bei einem Sprengstoffanschlag schwer verletzt. Aber hier soll es mal nicht um eine politische Bewertung dieses Auslandseinsatzes deutscher Soldatinnen und Soldaten gehen. Sondern um die Frage, was unsere Jungs – auch Mädels sind dabei – abends so singen, während sie ihre aus Deutschland eingeflogenen Bierrationen verzehren. Hat die Bundeswehr eigentlich auch ein eigenes Liedgut? Ja, hat sie. Bis vor kurzem noch sang die Truppe aus dem Liederbuch „Kameraden singt“ das bei den Nazis beliebte „Panzerlied“ oder „Schwarzbraun ist die Haselnuss“. Und – haltet euch fest – „Deutschland, Deutschland über alles“. Wegen solcher und anderer Peinlichkeiten hat das Verteidigungsministerium das Liederbuch 2017 aus dem Verkehr gezogen. Ein neues ist angeblich in Vorbereitung.
Ob das vom Bund deutscher Fallschirmjäger 1983 herausgegebene Liederbuch noch im Gebrauch ist, wissen wir nicht. Das enthaltene Liedgut knüpft auch hier nahtlos an die militaristische Tradition des Dritten Reiches an.
Vielleicht wird das alte Liedgut dennoch weiter gepflegt. Unter geographischen Aspekten würde es sich anbieten, in Mali das Lied von den Trägern und Askari – heia, heia, Safari zu singen: „Wie oft sind wir geschritten auf schmalem Negerpfad…“ – dieses dem Genre der Kolonialismus-Lieder zugeordnete Stück hat der Komponist Robert Götz um 1920 zu einem Text von Hans Riedel geschrieben. Von ihm stammen auch so Knaller wie „Gebt Raum, ihr Völker, unserm Schritt“ oder „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ – was dann endet mit „Und fahrn wir ohne Wiederkehr, rauscht uns im Herbst ein Amen“.
Die Nazis haben diese und andere kriegsverherrlichende Lieder gerne der Jugend in ihren Liederbüchern empfohlen. Für das neue Liederbuch der Bundeswehr müsste das mit dem heia Safari natürlich politisch korrekt heißen: „Wie oft sind wir geschritten, auf schmalem N-Wort Pfad“ – würde auch rhythmisch gut passen. Ich habe „Heia Safari“ und „Wildgänse“ in meiner Jugend auch noch voller Imbrunst und ohne Nachdenken gesungen. Sind ja irgendwie auch schöne eingängige Melodien. Über die Texte haben wir jungen Leute damals nicht weiter nachgedacht. Nachdenken darüber sollte man aber von der Bundeswehr schon erwarten.
Mist: Philipp Amthor beim Rasen erwischt
Veröffentlicht: 18. November 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft, Innenpolitik | Tags: CDU, Philipp Amthor, Skandale Hinterlasse einen KommentarPhilipp Amthor gehört zu den Menschen, die mir helfen, meine gelegentlichen Anfälle von Bosheit auszuleben. Der Abgeordnete Amthor, Shootingstar und „Harry Potter“ der CDU, hat schon einige Skandale produziert, was seiner politischen Karriere aber offenbar nicht besonders geschadet hat. Jetzt hat er wieder neuen Stoff geliefert. Mit 120 km/h durch eine 70er-Zone gebrettert und sich dabei erwischen lassen. Wahrscheinlich mit Papas Porsche unterwegs, um von irgendeinem Wirtschaftsverband seine Tantiemen abzuholen. Und jetzt das: Führerschein weg, Bußgeld (leider noch nach dem alten Bußgeldkatalog). Mist. Aber den Führerschein kriegt er ja wieder, und bis dahin steht ihm der Fahrdienst des Deutschen Bundestages zur Verfügung, um nach Hause zu Mami zu fahren, wo das Essen auf dem Tisch steht. „Ich war es nicht, ich bin gar nicht gefahren, Putin war es“ hat er vor Gericht erklärt – oder so ähnlich. Blöd nur, dass es ein Foto gibt, das ihn überführt. Da kann auch sein Freund und noch im Amt befindlicher geschäftsführender Verkehrsminister Andreas Scheuer nix machen, oder vielleicht doch, Andi?
Nun gut, Politiker sind auch Menschen. Wollen wir mal nicht zu streng sein und mit dem Finger auf Andere zeigen. Ich bin auch schon mal wegen Raserei geblitzt worden: Mit 28 km/h am Sonntagvormittag in einer wegen Schule ausgewiesenen 20er-Zone! Damit hatte meine politische Laufbahn ein abruptes Ende, und ich muss seither ein Leben als kleinkarierter grieskrämiger nörgeliger Blogger fristen, statt am großen Rad zu drehen.
Koalitionsvertrag: Droht etwa ein Lieferengpass?
Veröffentlicht: 10. November 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Innenpolitik, Wahlen | Tags: Ampel, Koalitionsvertrag, Sondierungspapier Ein KommentarZu Weihnachten drohen gähnend leere Gabentische. Lieferengpässe bei Playstation, Smartphone, Barbiepuppen und sonstigem Schnickschnack. Dagegen helfen weder Latenight- und Powershopping noch verkaufsoffene Sonntage im Advent. In diesem Jahr warten wir nicht nur aufs Christkind, sondern auch auf den Koalitionsvertrag. Der ist schon zum Nikolaustag in Aussicht gestellt, könnte aber in Verzug geraten. Nach anfänglicher Euphorie und einem überraschend schnell ausgehandelten Sondierungspapier scheint es nun etwas zu „ruckeln“ – so der SPD-Generalsekretär und neue Vorsitzende Lars Klingbeil. Laut Grünenchefin Annalena Baerbock kann der Zeitplan möglicherweise nicht eingehalten werden. Kein Wunder: 300 Experten aus drei Parteien beraten derzeit in 22 Arbeitsgruppen die Bausteine und Inhalte dafür. Heute, just an meinem Geburtstag, um 18 Uhr sollen die Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse vorlegen. Jede Arbeitsgruppe hat dafür maximal sechs Seiten, Schriftgröße 11, Zeilenabstand 1,5. Die strittigen Punkte sollen farbig markiert werden. Man darf also gespannt sein, wie bunt es in den Papieren zugehen wird und wieviel Arbeit dann noch auf die Koalitionspartner wartet, weil am Ende ja ein Konsens stehen muss. Der eigentliche Knatsch steht also noch bevor und wird in der Hauptverhandlungsgruppe auszutragen sein, die die ungelösten Fragen klären und die Schlussredaktion des Koalitionsvertrags bis Ende November erstellen soll. Und dann müssen die jeweiligen Parteigremien auch noch zustimmen.
Das von SPD, Grünen und FDP im Vorfeld ausgehandelte Sondierungspapier – lt. Robert Habeck das Vorspiel – hat schon mal, wenig sexy, einigen Wahlkampfversprechen den Stecker gezogen: Kein Tempolimit, keine Steuererhöhung für Reiche, keine Lockerung der Schuldenbremse, Ausstieg aus der Kohle „idealerweise bis 2030“, kein Abzug der Atomraketen aus Deutschland (ok, das hat auch keine der drei Parteien gefordert, leider). Vieles, was im Sondierungspapier noch vage Absichtserklärung und eher Beschwörungsformel war – „Es geht um unser Land, nicht um die Profilierung einzelner Akteure. Wir sehen keine kleinen und großen Parteien, sondern gleichberechtigte Partner auf Augenhöhe“ wird wohl nun an der harten Realität parteipolitischer, persönlicher und ideologischer Grabenkämpfe zerbröseln.
Und was heißt denn schon „auf Augenhöhe“? Dem Gegner in die Fresse hauen kann man am besten auf Augenhöhe. Es erinnert mich zudem an ein Kinderlied in spanischer Sprache (Un enano y un gigante se encontraron una vez). Es handelt davon, dass sich ein Zwerg und ein Riese treffen und zunächst sehr freundlich miteinander umgehen. Sie versuchen Augenhöhe herzustellen. Der Riese beugt sich zum Zwerg hinab, der Zwerg reckt sich auf den Zehenspitzen nach oben. Aber nach ein paar Tagen ist es mit den Freundlichkeiten vorbei. Dem Riesen schmerzt der Rücken, dem Zwerg die Fußspitzen. Ungleiche Freundschaften enden meisten so…“ Soweit das Lied.
Nun handelt es sich bei den drei Ampelkoalitionären nicht um Zwerge oder Riesen. Aber auch nicht um Freunde oder gleichberechtigte Partner. Sondern um Parteien mit unterschiedlichen Interessen und Programmen, die ein Zweckbündnis eingehen. Über die Gemeinsamkeiten und Schnittmengen, die es zweifellos gibt, müssen wir hier nicht reden. Wie groß der kleinste gemeinsame Nenner am Ende sein wird, steht dann im Koalitionsvertrag. Hoffentlich wird es kein Papier der Enttäuschungen und Mutlosigkeiten. Wäre es nicht viel einfacher gewesen, man hätte, statt 300 Expertinnen und Experten wochenlang Papiere ausbrüten zu lassen, mich gefragt, was dieses Land in den nächsten Jahren braucht, nämlich:
- Konkrete und wirksame Maßnahmen zur Reduzierung des C02-Ausstoßes und zum Kampf gegen den Klimawandel
- Kürzung der Ausgaben für Rüstung und Militär
- stattdessen bessere Bezahlung für Erzieherinnen, Pflegekräfte (und Blogger wie mich)
- Abschaffung von Steuerbegünstigungen für Dienstwagen, Flugbenzin und andere klimaschädliche Subventionen
- Ausbau des ÖPNV insbesondere in ländlichen Regionen
- Höhere Besteuerung von großen Vermögen
- Wahlrechtsreform und Verkleinerung des nächsten Bundestages
- Keine Steuergelder für die Desiderius-Erasmus-Stiftung der AFD
- Bafög unabhängig vom Elterneinkommen
- Verbot der Massentierhaltung
und noch vieles mehr. Aber mich fragt ja wieder mal keiner. Dabei wäre ich durchaus bereit, auf frühere Forderungen zu verzichten, wie etwa: Keine neuen Atomraketen, bevor die alten nicht verbraucht sind, oder: Tempolimit für Bobbycars in Innenstädten und: Umbau der Ostseepipeline Nordstream II zu einer Fun-Rodelbahn.
Ich. Literat von Weltrang.
Veröffentlicht: 31. Oktober 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft | Tags: Literatur, Roman 7 KommentareMit Bescheidenheit kommt man in der Welt nicht weiter. Man darf das, was man kann, nicht verstecken. Das sagte kürzlich der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann. Leider kommt diese Erkenntnis für mich mehr als 50 Jahre zu spät. Dabei hätte ich es wissen können. Schon in der Bibel heißt es, man zündet „auch nicht ein Licht an und stülpe ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter, dann leuchtet es allen im Haus“ (Matthäus 5:14). Ich wage also heute mein Coming Out, lüfte den Scheffel, der über mein Licht gestülpt ist, und bekenne leicht errötend: Ich wäre gerne ein erfolgreicher Buchautor. Ein ob seiner Bescheidenheit geschätzter, aber sprachgewaltiger und hochintellektueller Autor, mit zahlreichen Literaturpreisen bedacht, vielen Interviewanfragen, Besprechungen im Feuilleton von ZEIT und Süddeutscher Zeitung, gern gesehener Gast in Talkrunden und auf der Frankfurter Buchmesse. Ich sehe mich schon nominiert für den Deutschen Buchpreis. Oder vielleicht doch gleich für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels? Danach käme dann quasi schon der Literaturnobelpreis.
Mir ist schon klar, dass ich, um dieses hochgesteckte Ziel zu erreichen, mal mit dem Schreiben anfangen müsste. Und zwar nicht nur ein Buch, sondern mehrere. Mit nur einem Buch ist es in den wenigsten Fällen getan. Manche landen allerdings gleich mit dem Erstlingswerk einen Riesenerfolg. Ich muss also unbedingt mit dem ersten Buch anfangen. Viel Zeit bleibt mir nicht mehr. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es kaum jemanden, der oder die kein Buch geschrieben hätte. Manche sogar mehrere. Wenn wir uns treffen, frage ich: Was macht Dein neues Buch? Wie weit bist Du? In jeder noch so belanglosen Gesprächsrunde im Fernsehen werden die Leute vorgestellt, indem man sagt, der Herr X oder die Frau Y hat dazu auch ein Buch geschrieben. Vermutlich werde ich deshalb nicht zu Talkshows im Fernsehen eingeladen. Meine Vorstellung in der Runde wäre peinlich. Unser heutiger Gast, Herr L., hat zu dem Thema, um das es heute geht, kein Buch geschrieben.
Es ist allerdings nicht so, als hätte ich noch gar kein Buch geschrieben. Doch, doch. Drei sogar. Zwei Sachbücher, eine Geschichte Boliviens, und als Herausgeber ein Handbuch über Humanitäre Hilfe. Und, nicht zu vergessen, noch ein bescheidenes Bändchen mit einer Mischung aus literarischen und sachbezogenen Texten aus meiner internationalen Tätigkeit für eine Hilfsorganisation. Aber das meine ich ja nicht. Ich meine nicht Sachbücher, sondern Belletristik. Schöne Literatur. Romane, Kurzgeschichten und so.
Ich habe schon viele Anläufe unternommen, um ein Buch zu schreiben, bin aber meistens schon am Titel und am ersten Satz gescheitert. Kafka hatte es da noch leichter mit seinem Gregor Samsa. Alle genialen Romananfänge sind schon vergeben. Heute, wo sich eine Jede und ein Jeder zur Schriftstellerei begabt fühlt, wird geschrieben, was das Zeug hält, auch wenn die Erstauflage eingestampft werden muss. Einen Verleger brauchst du dank Eigenverlag nicht mehr. Trotzdem bleibt die Frage, worüber, was soll ich schreiben? Es war ja alles schon mal da. Wie soll man eine neue Idee haben, wenn über alles und jedes und rauf und runter schon geschrieben wurde? Man will ja nicht rumlabern und kein triviales Zeug schreiben. Bernd Ulrich hat im Feuilleton der ZEIT (Nr. 43, 21. Oktober 2021) beklagt, dass sich Tausende von Romanen mit der deutschen Vergangenheit beschäftigen, Themen wie die 68er und die RAF noch gar nicht mitgerechnet, und meint, „die Sache sei ein bisschen auserzählt, wieso wird sie dann so oft wiedererzählt“? Die Suche nach einem Thema, nach einer noch nicht erzählten Erzählung gestaltet sich noch schwieriger als die nach einem genialen Anfang. Wenn Ulrich zufolge keine Themen der Vergangenheit mehr frei sind, wenn alles schon erzählt ist, dann vielleicht etwas aus der Gegenwart? Pandemie? Kindesmissbrauch? Neue Rechte? Benzinpreis? Oder vielleicht doch Science Fiction? Krimi? Eine Autobiografie? Satire? Immer, wenn ich eine Idee für ein Thema gefunden zu haben glaube, kommt mir jemand zuvor. Schon lange wollte über das Leben im Dorf schreiben, hatte schon viel Stoff dafür gesammelt, dann kam Juli Zeh mit Unterleuten. Meine geplante Kurzgeschichtensammlung „Schöner sterben. Ein Ratgeber für Lebensmüde, Todesmutige, Suizidanfänger, Sterbehelfer und Bestatter“ ist Stückwerk geblieben und wurde gerade von Harald Welzer mit seinem neu erschienenen Buch „Nachruf auf mich selbst“ plagiiert. Ich denke mir, etwas Dystopisches könnte erfolgreich sein: Weltuntergangsszenarien, Atomkrieg etwa, ein gigantischer Meteoriteneinschlag, Klimakrise. Aber selbst das gibt es schon als eigenes Genre – Climate Fiction.
Meine Schreibhemmung ist eigentlich gar keine. Ich schreibe durchaus viel und häufig. Das Problem ist die Länge. Ein Roman, da sitzt man ja ewig dran. Und man muss ja auch eine Idee haben, einen Plot. Ich bin mehr so für die kurzen Texte. Da halte ich es mit dem von mir hochgeschätzten Alfred Polgar. Kennen Sie nicht? Egal. Originalton Polgar: „Das Leben ist zu kurz für lange Literatur, zu flüchtig für verweilendes Schildern und Betrachten, zu psychopathisch für Psychologie, zu romanhaft für Romane, zu rasch verfallen der Gärung und Zersetzung, als dass es sich in langen und breiten Büchern lang und breit bewahren ließe“. Das hören Dostojewskij, Thomas Mann oder Frank Witzel natürlich nicht gerne. An anderer Stelle schreibt Polgar: „Meine armen Erzählungen bekamen es zu fühlen, dass zehn Seiten bedruckten Papiers, auf eine richtiggehende Waage gelegt (gleiche Stärke und gleicher Umfang des Papiers angenommen) entscheidend weniger wiegen als tausend.“ Diesbezüglich bin ich sehr produktiv. Kurze Texte habe ich in den letzten Jahren sehr viele geschrieben. Ein paar davon kann man auf diesem Blog nachlesen. Für eine Kurzgeschichte habe ich sogar mal einen Preis bekommen. Morgen fange ich an, mein erstes Buch zu schreiben: Der Tag, als Facebook ausfiel. Etwas Dystopisches eben. Der erste Satz: „Als Mark Zuckerberg eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, konnte er seinen Facebook-Account nicht mehr öffnen.“
Störungen im Betriebsablauf: Wie cringe ist das denn?
Veröffentlicht: 26. Oktober 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft | Tags: Cringe, Jugendwort des Jahres Hinterlasse einen KommentarAuf die Bahn zu schimpfen ist in. Jede/r tut es. Jede/r weiß eine krasse Geschichte, was alles schiefgelaufen ist bei der letzten Bahnfahrt. Ich lehne es ab, mich an diesem allgemeinen Bahnbashing zu beteiligen. Wer will, kann dazu meine „Bahngeschichten“ auf der Seite „Literarisches“ lesen. Besonders die lustigen Ansagen der Zugchefs helfen über manchen Verspätungsfrust hinweg. Meine Favoriten: „Achtung eine Durchsage. Soeben hat sich eine Damenkette hier eingefunden“, oder der hier: „Fahrgäste ohne Sitzplatzreservierung möchten wir darauf hinweisen, dass die Plätze im Speisewagen nur zum Verzehr bestimmt sind.“. Na dann guten Appetit.
Wenn die Bahn mal wieder verspätet ist und dafür „Störungen im Betriebsablauf“ verantwortlich macht, dann ist das weder sus noch sheesh. Höchstens ein bisschen cringe, aber vielleicht auch lost. Damit haben wir Besucher von Gammelfleischparties dem Jugendwort des Jahres 2021 unsere Referenz erwiesen und gezeigt, wie sehr wir dem Zeitgeist Tribut zollen und beim Ranwanzen an die Jugend nicht zu cringe sind (liebe ZahnspangenträgerInnen: Das passt da jetzt nicht wirklich, oder?). Aber jetzt mal im Ernst: Störungen im Betriebsablauf? Ja geht´s noch dämlicher? Wenn mal wieder eine Weiche klemmt, der Lokführer besoffen zu seiner Schicht gekommen ist oder der Zug in umgekehrter Wagenreihung nicht rechtzeitig bereitgestellt werden konnte? Wenn eine/r sich vor den Zug schmeißt oder ein Sturm die Oberleitung runterhaut, da kann die Bahn ja nun wirklich nichts für. Aber wenn das halbe Fahrgerät marode ist, die Schienen nicht gewartet, die Signale ausfallen, das Bahnpersonal miserabel bezahlt – sind das noch Störungen im Betriebsablauf? Und dann die Toiletten. Viele sind „außer Betrieb“, und die, die in Betrieb sind, stinken wie ein französisches Pissoir nach einem sechsstündigen Fauve-Konzert. Für Menschen, die keine Störung im Betriebsablauf, aber eine Störung im Urinablauf haben, kann daraus eine dringende Notlage entstehen. Früher konnte man ja noch aus dem geöffneten Zugfenster pissen (gilt nur für Männer), aber das geht heute nicht mehr, schon gar nicht bei umgekehrter Wagenreihung. Cringe eben.
Sensation: Caritas hängt den Deutschen Fußballbund ab!
Veröffentlicht: 24. Oktober 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Gesellschaft, Kirche | Tags: Caritas, DFB Ein KommentarDass ich das noch erleben durfte: Der Deutsche Caritasverband, mein Exarbeitgeber, hat eine Frau als Präsidentin! Wow!! Obwohl die Satzung, ähnlich wie das Grundgesetz beim Bundeskanzler, diesen Extremfall bisher gar nicht auf dem Zettel hatte! Und als ob das nicht schon genug wäre: Die neue Präsidentin ist – weil weiblichen Geschlechts – kein Priester, wie das seit 125 Jahren bei der Caritas selbstverständlich war. Da gerät in der katholischen Kirche offenbar einiges ins Wanken. Immerhin sind Kirche und Caritas in dieser Hinsicht schon weiter als der Deutsche Fußballbund. Die Deutsche Bischofskonferenz hat seit einiger Zeit eine Frau als Generalsekretärin. Sie hat es also dort nur mit Männern zu tun, Bischöfen vor allem, die sich erfahrungsgemäß wenig von Laien sagen lassen, und schon gar nicht von einer Frau. Wenn das mal gutgeht.
Die Caritas ist global vernetzt und hat mit Caritas internationalis auch einen weltweiten Dachverband mit Sitz in Rom (wo sonst). Und, jetzt haltet Euch fest, es gab mal eine Frau als Generalsekretärin. Für die Kurie in Rom offenbar ein Affront. How dare you, Caritas! Bei einem Papstempfang für die Delegierten der Caritas-Generalversammlung wurde sie von einem Sheriff im Dienst des päpstlichen Protokolls aufgefordert, ihren Platz in der ersten Reihe zu räumen und sich gefälligst nach weiter hinten zu verkrümeln. Ein paar Intrigen im Hintergrund führten dann später dazu, dass sie, trotz unangefochtener Kompetenz, nicht mehr für eine zweite Amtszeit gewählt wurde. Insofern und auch insonah darf man die Wahl einer Präsidentin an die Spitze der deutschen Caritas durchaus als Sensation bezeichnen.
Für den Wohlfahrtsverband Caritas mit fast 700.000 Beschäftigten möchte man hoffen, dass die Frau mit dem schwierigen Namen (Eva Maria Welskop-Deffaa) es schafft, dass auch bei der Caritas mehr Frauen in Führungspositionen gelangen. Eine ihrer Prioritäten: Die Digitalisierung. Niemand, der die das nicht auch möchte. Dass Digitalisierung an sich und als Selbstzweck die Menschheit noch nicht entscheidend voranbringt, dazu habe ich mich an anderer Stelle bereits geäußert. Die Caritas mit ihren sozialen Diensten und Einrichtungen, ihrem sozialpolitischen Engagement und auch mit der internationalen Arbeit ist unverzichtbar für unsere Gesellschaft und ein positives Korrektiv zu einer Amtskirche, die dringend reformbedürftig ist (Puh, jetzt habe ich aber gerade nochmal die Kurve gekriegt …).
Henker, Banker, Sprachprofiler. Über alte und neue, ehrenwerte und aufgeblasene Berufsbezeichnungen
Veröffentlicht: 22. Oktober 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft | Tags: Berufe 3 KommentareWelchen Beruf haben Sie? Die Frage begegnet einem im Alltag ständig, in Formularen, Anträgen, Meldezetteln. Oder auch beim Smalltalk. Was machen Sie beruflich? Für Uni-Professoren, Taxifahrer oder Frisöre und Frisörinnen (nicht Friseusen! Weil lt. Duden umgangssprachlich abwertend und leicht zu verwechseln mit Fritteusen) ist die Antwort leicht. Was aber sagt eine Prostituierte, ein Wunderheiler, ein/e Arbeitslose/r, ein Drogendealer – falls das als Berufsbezeichnung überhaupt durchgeht? Auch ist gar nicht immer klar, ob der erlernte Beruf oder die aktuelle Tätigkeit gemeint ist. Am Anfang meines Berufslebens konnte ich, gerade siebzehn geworden, antworten: Hilfssachbearbeiter. Das war die Tätigkeit, die mir nach Abschluss meiner dreijährigen Lehre beim Arbeitsamt zugewiesen worden war. Ich durfte Sachen bearbeiten, aber nur hilfsweise. Wir wollen hier nicht weiter in der Frage herumstochern, was „eine Sache bearbeiten“ so alles bedeuten kann. Wenige Monate später wurde ich zum Sachbearbeiter, also ohne „Hilfs“, befördert. Nach diesem irren Karrieresprung durfte ich dann ohne fremde Hilfe Schlechtwettergeld für Baufirmen berechnen – ohne Excel, alles per Hand in riesigen Tabellen. Oder Arbeitslosen, die sich nicht rechtzeitig bei ihrem Arbeitsvermittler gemeldet hatten, die Leistungen kürzen. Ich habe diesen „Beruf“ nur zwei Jahre ausgeübt, dann war´s genug mit Sachen bearbeiten. Heute müsste ich auf die Frage nach meinem Beruf „Rentner“ sagen, was noch schlimmer ist als Hilfssachbearbeiter, weil es suggeriert, dass meine Haupttätigkeit darin besteht, Rente zu beziehen. Das ist zwar nicht unangenehm, aber auch nicht direkt lebensinhaltfüllend.
Früher, also noch früher als früher, so richtig ganz viel früher, gab es nur die Berufe Jäger und Sammler. Diese waren ausnahmslos freiberuflich tätig, zahlten keine Umsatzsteuer und hatten keinen eigenen Internetauftritt. Und von wegen „m/w/d“ – Frauen mussten auf die Kinder aufpassen und auf das Feuer. Später kamen dann nach und nach weitere Berufe hinzu: Soldaten, Henker, Adelige, Bauern, Handwerker, Aderlasser, Gastwirte, Gaukler und Wegelagerer. Einige davon gibt es auch heute noch, sie heißen bloß anders: Banker, Keynote-Speaker oder Anne Will. Schaffner heißen auch nicht mehr Schaffner, sondern Zugbegleiter. Aus der Schreibkraft wurde die Officemanagerin. Der Henker heißt heute nicht mehr Henker, aber wie? Irgendjemand muss ja zwecks Vollzug der Todesstrafe die Spritze setzen oder beim Fallbeil auf den Knopf drücken. Also vielleicht „Fallmanager“?
Das Spektrum der Berufe und Berufsbezeichnungen ist heutzutage riesig. Mit der Frage „Na, mein Kleiner (wahlweise meine Kleine), was willst du denn mal werden?“, meist schon im Kindergarten gestellt, stürzt man die verwöhnten Blagen möglicherweise in eine frühkindliche Existenzkrise. Die heutige Generation kennt ja nicht mehr die diesbezüglich Orientierung und Halt gebende Sendung „Was bin ich? Heiteres Beruferaten mit Robert Lembke“ (Welches Schweinderl wollens denn?). Früher, und jetzt nicht mehr ganz so früher, konnten Jungs noch sagen „Lokomotivführer“ und für Mädels bot sich an „Hausfrau“ oder bestenfalls „Kosmetikerin“. So einfach liegen die Dinge aber heute nicht mehr. Die Auswahl unter den Berufen von A bis Z ist, wie gesagt, riesig: Astronaut, Automobilkauffrau, Blutspender, Bestsellerautor, Bratwurstsommelier, Dreisternekoch, Zahnspangenmechaniker/in (ich korrigiere: es muss „Zerspannungsmechaniker/in“ heißen, das kommt davon, wenn man nicht zerspannt ist), und, für alle, denen das Gehalt nicht ganz unwichtig ist, Profifußballer.
Manche Berufe sind, weil nicht mehr zeitgemäß, weggefallen, was allein schon der poesieschönen Bezeichnungen wegen schade ist, wie etwa Gaslaternenanzünder, Almosensammler, Schiffschaukelbremser, Abhörkommissar, Stromableser, Gemeindediener, Abtrittanbieter, Gabelstaplerfahrer. Den Gabelstaplerfahrer – eine Zeit lang mein Traumberuf – gibt es noch, auch die weibliche Variante, aber er oder sie wird bald überflüssig, wegen der Digitalisierung – autonomes Fahren und so. Auch irgendwie schade. Mit diesem wendigen, elektrisch betriebenen Fahrzeug zwischen meterhohen Regalen zentimetergenau rangieren und im Wahnsinnstempo vollbeladene Paletten von A nach B transportieren – hohe Kunst und tief beeindruckend. Das gibt es sicher inzwischen als cooles Videogame.
Von den Akademikern und Künstlern haben wir jetzt noch gar nicht gesprochen. Viele, sogar die meisten meiner Bekannten und Freunde haben einen akademischen Abschluss: Arzt, Apothekerin, Jurist, Pädagogin, Theologin, Volkswirt, mindestens ein Diplom in irgendwas. Jede Menge Doktortitel, auch Habilitierte. Bei vielen waren schon die Eltern und Großeltern Akademiker, Pfarrer, Musiker. Meine Eltern dagegen hatten einfache Berufe: Der Vater Kraftfahrer ohne Ausbildung, die Mutter Näherin ohne Lehrabschluss. Meine Vorfahren waren fast ausnahmslos Ackerer, einer der ältesten Berufe der Menschheitsgeschichte. Heute würde man Landwirt oder Kleinbauer sagen. Erst bei meinen Großeltern gibt es, wie die jeweiligen Heiratsurkunden belegen, andere als landwirtschaftliche Berufe wie Schreiner, Näherin, Lagerarbeiter. Ein Ururgroßvater väterlicherseits war Schiffer. Überhaupt scheint die Schifferei ein Betätigungsfeld meiner Vorfahren gewesen zu sein. Sie lebten an der Mosel und Schiffer bedeutete, dass man Lastkähne über den Leinpfad flussaufwärts zog, wahrscheinlich mit Pferden? Also auch nicht unbedingt eine nobelpreisverdächtige Tätigkeit, hätte es den Preis damals schon gegeben. Ganz genau weiß ich aber nicht, was meine Schiffervorfahren damals getrieben bzw. gezogen haben.
Bei manchen aufgeblasenen Berufsbezeichnungen können wir, wenn wir ehrlich sind, uns nicht so recht vorstellen, was der oder die Inhaber/in tut: Experte für kreatives Mindset? Sprachprofiler? Achtsamkeitscoach? Improvement-Manager?? Was dagegen ein Persönlichkeitstrainer oder ein Benimmcoach tut, verstehen wir schon eher, wenngleich deren Angebot so überflüssig wie zwecklos ist wie der bereits erwähnte Bratwurstsommelier (den habe ich mir ausgedacht, aber vielleicht gibt es ihn wirklich, falls ja, bitte bei mir melden, denn Bratwürste können geschmacklich sehr unterschiedlich ausfallen!).
Jetzt nochmal zurück zum Anfang und was Persönliches zu diesem Thema. Was war ich nicht schon alles: Schülerlotse, Blutspender, Entwicklungshelfer, Betriebsrat, Bäckereigehilfe, Flipperkönig, Buchautor, Gemeinderat, Blogger, Klimaaktivist. Wenn ich meinen Lebenslauf aufhübschen müsste für eine Kandidatur zum Ersten Vorsitzenden des Goldfischzuchtvereins Brunsbüttelkoog, würden mir noch viele systemrelevanten Funktionen, Posten und Aktivitäten einfallen. Wenn ich aber gefragt werde, was mein Beruf ist (oder war), wird es schwierig: Gemeint ist ja nicht die Ausbildung, sondern die Tätigkeit. Eine kurze, treffende Bezeichnung für das, was ich die meiste Zeit meines Lebens beruflich gemacht habe, gibt es gar nicht: Bei einer Hilfsorganisation in der internationalen Entwicklungs- und Katastrophenhilfe arbeiten, wie nennt man das denn? Improvement-Manager könnte sogar passen. Oder doch Experte für Armutsbekämpfung, Katastrophenhilfe und kreatives Mindset? Für kreative Vorschläge, mit oder ohne Mindset, bin ich offen.
Sondierungsgespräche: Noch blinkt die Ampel ziemlich gelb
Veröffentlicht: 16. Oktober 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Gesellschaft, Innenpolitik, Wahlen | Tags: FDP, Grüne, Koalition, Sondierungsgespräche Hinterlasse einen KommentarSeit gestern liegt das Ergebnis der Sondierungsgespräche zwischen SPD, Grünen und FDP vor. In einem zwölfseitigen Sondierungspapier kann man nachlesen, was sich die drei beteiligten Parteien für ihre Koalitionsverhandlungen vorgenommen haben. Es ist wohl der unvermeidbaren politischen Prosa geschuldet, dass der Text auch solche hochtrabenden Worthülsen und inhaltsleeren Sprechblasen enthält wie: „Wir fühlen uns gemeinsam dem Fortschritt verpflichtet“, „wie wir unser Land nachhaltig modernisieren können“, „niemand wird ins Bergfreie fallen“ oder „Deutschland stellt sich seiner globalen Verantwortung“.
Aber schauen wir mal auf einige konkrete Aussagen:
- „Ein generelles Tempolimit wird es nicht geben“
- „Die gesetzliche und die private Kranken- und Pflegeversicherung bleiben erhalten“
- „Wir werden im Rahmen der grundgesetzlichen Schuldenbremse die nötigen Zukunftsinvestitionen gewährleisten, insbesondere in Klimaschutz, Digitalisierung, Bildung und Forschung sowie die Infrastruktur“
- „Wir werden keine neuen Substanzsteuern einführen und Steuern wie zum Beispiel die Einkommen-, Unternehmens- oder Mehrwertsteuer nicht erhöhen“
Das liest sich ja wie das Wahlprogramm der FDP, oder täuscht der Eindruck? Da muss die grüne Verhandlungsdelegation doch ständig in die Tischplatte gebissen haben? Klar, es gibt in dem Sondierungspapier auch Absichtserklärungen, die eine grüne oder sozialdemokratische Handschrift tragen – etwa zu Klimaschutz, Mindestlohn oder Bürgergeld statt Hartz IV. Insofern darf man gespannt sein, wie das konkret in einem – hoffentlich zustande kommenden – Koalitionsvertrag aussehen wird. Zu befürchten ist allerdings, dass der gemeinsame Nenner am Ende recht klein ausfallen könnte.
Stark unterbelichtet oder ganz abwesend, wie schon im Wahlkampf, sind mal wieder wichtige globalen Themen wie Armutsbekämpfung, internationale Krisenbewältigung und Friedenspolitik und atomare Abrüstung. Die zivilgesellschaftliche Friedensorganisation forumZFD mit Sitz in Köln hat unter der Überschrift „Entschieden für Frieden“ fünf Forderungen an die neue Bundesregierung formuliert, darunter der Beitritt Deutschlands zum Vertrag zur Ächtung von Atomwaffen und der Abzug der in Deutschland stationierten Atomwaffen. Das ganze Papier des forumZFD kann man hier nachlesen.


