Sondierungsgespräche: Noch blinkt die Ampel ziemlich gelb
Veröffentlicht: 16. Oktober 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Gesellschaft, Innenpolitik, Wahlen | Tags: FDP, Grüne, Koalition, Sondierungsgespräche Hinterlasse einen KommentarSeit gestern liegt das Ergebnis der Sondierungsgespräche zwischen SPD, Grünen und FDP vor. In einem zwölfseitigen Sondierungspapier kann man nachlesen, was sich die drei beteiligten Parteien für ihre Koalitionsverhandlungen vorgenommen haben. Es ist wohl der unvermeidbaren politischen Prosa geschuldet, dass der Text auch solche hochtrabenden Worthülsen und inhaltsleeren Sprechblasen enthält wie: „Wir fühlen uns gemeinsam dem Fortschritt verpflichtet“, „wie wir unser Land nachhaltig modernisieren können“, „niemand wird ins Bergfreie fallen“ oder „Deutschland stellt sich seiner globalen Verantwortung“.
Aber schauen wir mal auf einige konkrete Aussagen:
- „Ein generelles Tempolimit wird es nicht geben“
- „Die gesetzliche und die private Kranken- und Pflegeversicherung bleiben erhalten“
- „Wir werden im Rahmen der grundgesetzlichen Schuldenbremse die nötigen Zukunftsinvestitionen gewährleisten, insbesondere in Klimaschutz, Digitalisierung, Bildung und Forschung sowie die Infrastruktur“
- „Wir werden keine neuen Substanzsteuern einführen und Steuern wie zum Beispiel die Einkommen-, Unternehmens- oder Mehrwertsteuer nicht erhöhen“
Das liest sich ja wie das Wahlprogramm der FDP, oder täuscht der Eindruck? Da muss die grüne Verhandlungsdelegation doch ständig in die Tischplatte gebissen haben? Klar, es gibt in dem Sondierungspapier auch Absichtserklärungen, die eine grüne oder sozialdemokratische Handschrift tragen – etwa zu Klimaschutz, Mindestlohn oder Bürgergeld statt Hartz IV. Insofern darf man gespannt sein, wie das konkret in einem – hoffentlich zustande kommenden – Koalitionsvertrag aussehen wird. Zu befürchten ist allerdings, dass der gemeinsame Nenner am Ende recht klein ausfallen könnte.
Stark unterbelichtet oder ganz abwesend, wie schon im Wahlkampf, sind mal wieder wichtige globalen Themen wie Armutsbekämpfung, internationale Krisenbewältigung und Friedenspolitik und atomare Abrüstung. Die zivilgesellschaftliche Friedensorganisation forumZFD mit Sitz in Köln hat unter der Überschrift „Entschieden für Frieden“ fünf Forderungen an die neue Bundesregierung formuliert, darunter der Beitritt Deutschlands zum Vertrag zur Ächtung von Atomwaffen und der Abzug der in Deutschland stationierten Atomwaffen. Das ganze Papier des forumZFD kann man hier nachlesen.
Ach Kirche: Heute mal Mitleid mit dem katholischen Klerus
Veröffentlicht: 10. Oktober 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft, Kirche | Tags: Bischöfe, Katholische Kirche, Klerus 4 KommentareEin Bischof, der Puff heißt, kann einem allein schon seines Namens wegen Leid tun: Er wird sich vermutlich über einen Mangel an Spötteleien und Kalauern nicht beklagen müssen. Schwaderlapp ist als Name auch nicht viel besser. Davon aber mal abgesehen: Beide, Ansgar Puff und Dominikus Schwaderlapp, haben beim Umgang mit sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln keine bella figura gemacht. Täter gedeckt, Opfer nicht ernstgenommen, Strafvereitelung – ach Kirche. Der Papst hat das als lässliche Sünde eingestuft und die beiden Kirchenfürsten nicht in die Verbannung geschickt. Ihr Chef, Rainer Maria Woelki, muss ein halbes Jahr in der Ecke stehen und darf dann wieder Gläubige zum Kirchenaustritt motivieren. Ein anderer, Marx (nicht der mit dem Rauschebart und dem Klassenkampf), Autor von „Das Kapital“ und Ex-CEO des deutschen Klerus, wollte die Klamotten hinschmeißen, aber auch bei ihm hat der Papst gesagt: Eso no viene en la bolsa para nada (= kommt überhaupt nicht in die Tüte, und damit ist nicht die Papptüte gemeint, die Bischöfe sich auf dem Kopf montieren, wenn es feierlich wird).

Ach Kirche. Meine allererste Begegnung mit einem Bischof beschränkte sich auf eine Ohrfeige durch denselben, eine als Firmung getarnte mittelschwere Körperverletzung. Sexuellen Missbrauch habe ich in meiner katholischen Sozialisation nicht erfahren, da gehöre ich wohl zu einer Minderheit. Ich hatte als Jugendlicher mit Priestern zu tun, die gar nicht so klerikal drauf waren, für mich eher prägende Vorbilder, wenn man mal vom Alkohol- und Zigarettenkonsum absieht.
Und dann, später in meiner Zeit in Südamerika, hatte ich das Glück, viele sozial engagierte Geistliche, vom einfachen Pfarrer bis zum Erzbischof, kennenzulernen. Auch solche, denen protziges Gehabe und luxuriöser Lebensstil zutiefst zuwider waren. Zum Beispiel José Clemente Maurer, Erzbischof von Sucre/Bolivien, der mir als neu ins Land gekommenen, unerfahrenen Entwicklungshelfer einschärfte, zum Pinkeln unbedingt vom Pferd abzusteigen und es nicht aus dem Sattel zu versuchen.* Er hatte als Pfarrer jahrelang die abgelegenen Weiler der Indios in den Anden mit dem Pferd besucht und wusste, wovon er sprach.
Warum ich das hier schreibe? Die katastrophalen Verfehlungen der Amtskirche mit dem Thema sexueller Missbrauch sind durch nichts zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. Das erschreckende Ausmaß ist gerade erst wieder durch die Missbrauchsstudie in Frankreich deutlich geworden. Aber: Nicht alle kirchlichen Amtsträger waren geile Kinderschänder. Auch das gehört zur Wahrheit dazu.
*Die ganze Geschichte dazu kann man hier nachlesen: „Der Kardinal hat niemand, der für ihn schreibt.“ In: Jürgen Lieser. Weltgeschichten. Freiburg 2014, S. 26 ff.
Lass uns (mal wieder) übers Gendern reden
Veröffentlicht: 7. Oktober 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Gesellschaft | Tags: Gendersensible Sprache, Genderstern 4 KommentareIn diesem Beitrag geht es ums Gendern. Ja, doch, auch wenn´s nervt – es muss jetzt wieder mal sein. Als Mensch, der ständig Texte produziert, kommt man an dem Thema doch gar nicht vorbei. Und man lernt ja immer wieder Neues dazu, wenn man nicht total borniert ist. Vor etwa einem halben Jahr, am 18. März, habe ich mich in einem Beitrag über genderfluide Sprache geäußert und meine Schwierigkeiten mit dem Stimmritzenverschlusslaut gebeichtet https://juergenlieser.blog/2021/03/18/uber-geschlechtsidentitaten-knacklaute-und-genderfluide-sprache/
Zur geschriebenen Sprache habe ich damals gemeint: „Ich bin mit dem generischen Maskulinum groß geworden und habe mir lange Zeit, um ehrlich zu sein, nichts dabei gedacht. Heute weiß ich, dass das ein sexistischer Sprachgebrauch ist und dass ich, wenn ich das benutze, ein chauvinistisches Schwein bin. Wäre ich eine Frau oder nonbinär, würde mir das herablassende „ihr seid ja mitgemeint“ vermutlich auch schon längst total auf den Sack gehen, bzw. auf die Eierstöcke. Inzwischen, das heißt eigentlich schon ziemlich lange, habe ich bei der Verwendung des generischen Maskulinums, egal ob geschrieben oder gesprochen, ein schlechtes Gewissen. Immerhin. Es passiert mir immer noch ständig, aber eher aus Faulheit und nicht aus Ignoranz. Beim Schreiben fällt mir das Gendern echt schwer, da bitte ich die feministische Sprachkritik schon mal um Generalabsolution.“
Mehr Selbstgeißelung, Asche aufs Haupt und Unterwerfung unter den Zeitgeist kann man mir nun wirklich nicht abverlangen. Und immer noch bin ich auf der Suche nach der richtigen, nämlich gendersensiblen Sprache. In der linksliberalen (?) Wochenzeitung DIE ZEIT tobt seit Monaten ein Glaubenskrieg im Feuilleton und eine Kontroverse in der Rubrik Leserbriefe (wieso heißt die nicht längst Leser*innenbriefe?) um die gendergerechte Sprache. Zuletzt hatte Charlotte Parnack (ZEIT Nr. 38) Anstoß daran genommen, dass die Moderator*innen des öffentlich-rechtlichen ZDF in den Hauptnachrichten den Genderstern sprechen, und das auch noch bei bösen Menschen (Islamist*innen!). Einen veritablen Shitstorm hat Ze de Rock (ebenfalls in der ZEIT, Nr. 12) mit seiner herrlich-amüsant-schrägen Polemik „Von Innen, Unnen und Onnen“ ausgelöst und mit seinem Gegenvorschlag, „das“ als Artikel der Wahl einzuführen: „Das gute Bäcker begrüßt immer das Kunde“. Oder statt des generischen Maskulinums ein generisches Femininum: “Die gute Bäcker begrüßt immer die Kunde“. Oder noch radikaler sein Ultradeutsch forte: „Man nimmt das Stammwort ´back`, fügt ein -a hinzu, und man hat eine Frau: die Backa. Männliche Bäcker sind Backos, und alle zusammen sind Backis. Eine Busfahrerin wäre eine Bussa, ein Fahrer ein Busso und alle zusammen Bussis.“
Das ist zwar lustig, aber nicht alltagstauglich. Der Duden, Wächter und Hüter der deutschen Sprache, hilft nicht wirklich weiter. Im Gebrauch sind inzwischen verschiedene Versionen für eine gendersensible Schriftsprache: Genderstern, Binnen-I, Unterstrich, Doppelpunkt. Die ewig gestrigen Verfechter*innen des generischen Maskulinums finden nur noch in der AfD, in konservativen Kirchenkreisen oder bei CSU-Stammtischen Applaus, wenn den Grünen mal wieder Gender-Gaga angedichtet wird. Die bei Anreden inzwischen übliche Doppelnennung (liebe Schülerinnen, liebe Schüler) ist zumindest schon mal ein Schritt in die richtige Richtung, schließt aber diverse/nicht-binäre Menschen aus. Wie spricht man die an (hey du, hallo)? Die Schreibweise mit dem Genderstern (Lehrer*innen) will diese Lücke schließen und scheint sich mehr und mehr zu etablieren. Gesprochen wird das Sternchen mit dem Stimmritzenverschlusslaut (Glottischlag, Knacklaut). Von einer einheitlichen, allgemein verbindlichen Regelung kann aber keine Rede sein. Weder im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen, noch in Büchern und Printmedien wird einheitlich und durchgehend gegendert, von Ausnahmen (TAZ) abgesehen.
Was also tun bzw. wie schreiben und sprechen? Wie heutzutage beinahe alle Zeitgenoss*innen bin auch ich hochsensibel und möchte durch meine Texte nur Menschen beleidigen, die es wirklich verdient haben. Was wäre eine wünschenswerte, akzeptable und praktikable gendersensible Sprache, die sowohl im Alltag als auch in amtlichen Kontexten taugt? Kann man sich durchgehend gegenderte Gesetzestexte vorstellen? Zwei lebensnahe Beispiele zum Abgewöhnen: In meiner Gemeinde, wo ich im Gemeinderat sitze, wurde neulich eine neue Feuerwehrsatzung verabschiedet. Dem lobenswerten Bemühen, auch bei der Feuerwehr eine gendersensible Sprache zu etablieren, sind dann solche Satzmonster geschuldet: „Zur ehrenamtlich tätigen Feuerwehrkommandatin oder zum ehrenamtlich tätigen Feuerwehrkommandanten und ihrer oder seiner Stellvertreterin oder ihr oder sein Stellvertreter kann nur gewählt werden, wer…“
Zweites Beispiel: Der in der Gemeinde neu gebildete Jugendrat hat sich eine Satzung gegeben, selbstverständlich konsequent durchgegendert. Die Jugendlichen waren nicht davon abzubringen, dass wenigstens bei „Mitglieder*innen“ der Genderspaß aufhört.
Mein Fazit: Ich habe seit März nicht wirklich etwas dazugelernt. Doch vielleicht dies: Sollte ich mal in die Verlegenheit kommen, ein Schreiben an die Bürgermeister und Bürgermeisterinnen unseres Sprengels zu adressieren, würde ich schon an der korrekten Anrede scheitern: „Sehr geehrte Bürger*innen*meister*innen“ – oder wie? Kann jemand helfen?
Nachtrag zu Gruppenbild mit Dame: We are Family
Veröffentlicht: 2. Oktober 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft, Wahlen | Tags: FDP Hinterlasse einen KommentarDas wird ja immer schöner …
Digitale Transformation: Zauberformel für eine schöne neue Welt?
Veröffentlicht: 28. September 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft, Wirtschaft | Tags: digitale Transformation, Digitalisierung Hinterlasse einen KommentarDie digitale Transformation ist in aller Munde. In Anlehnung an Karl Valentin möchte man sagen: Alle reden von der Digitalisierung, aber keiner unternimmt etwas dagegen. Und keiner kann einem genau erklären, was damit eigentlich gemeint ist und wohin das am Ende führen soll. Hört sich auf jeden Fall schon mal ziemlich fortschrittlich an. Und das umso mehr, wenn wir es englisch aussprechen „Didschitel Transformäschn“. Genau genommen müsste es heißen „Digital Business Transformation“ – dann wird nämlich auch klar, dass es vor allem ums Geschäft geht. Sie, also die Digitalisierung, durchdringt mehr und mehr alle Lebensbereiche. Sie wird die Menschheit entscheidend voranbringen, heißt es. Die Wirtschaft kann ohne sie nicht mehr wachsen und sieht auf dem Weltmarkt alt aus. Die Parteien im Wahlkampf versprechen uns eine glückliche Zukunft durch Digitalisierung. In der neuen Regierung wird es wohl ein Ministerium für digitales Dingsbums geben. Ob dann alles besser wird? Wird die Armut in der Welt endlich verschwinden? Welche Zukunftsperspektiven wird die digitale Transformation für Millionen von Flüchtlingen eröffnen? Werden wir dem Klimawandel digital Einhalt gebieten? Auf jeden Fall wird telefonieren noch teurer werden, als es jetzt schon ist. Darauf kann man schon mal einen lassen.
Wer heute noch analog unterwegs ist – egal ob bei der Musik, bei der Zeitungslektüre oder beim Fernsehen, der oder die ist hoffnungslos von gestern. Bald werden Autos autonom fahren. Corona hat den digitalen Schulunterricht hervorgebracht. Gegen Schachcomputer sehen selbst Weltmeister alt aus. Alexa erfüllt unsere Wünsche digital. Nur beim Käse und beim Sex ist die analoge Variante noch recht verbreitet.
Das Gegenteil von digital ist analog. Analog kommt vom lateinischen aná -logos, was etwa heißt, der Vernunft entsprechend.
(Kleiner Exkurs: Oder könnte es etwa sein, dass analog sich am Ende von anal ableitet? Das Wort digital kannten die Römer zwar, aber nicht im heutigen Sinne. Digital, das zumindest wissen wir humanistisch Gebildeten, heißt erst mal so viel wie „mit dem Finger“. Die Digitalisierung ist, wie anfangs festgestellt, in aller Munde, während das Anale, also das, was sich auf den entsprechenden Körperausgang bezieht, eher tabu ist. Wenn wir zu denen gehören, die in der analen Phase zum Stuhlgang auf den Topf gezwungen wurden, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn wir im Erwachsenenleben ständig unter Verstopfung leiden. Dafür gibt es dann Kijimea Reizdarm Pro. Beim Stuhlgang Druck auszuüben ist sowieso kontraproduktiv. Aber das führt jetzt weg vom eigentlichen Thema. Heute muss der Nachwuchs gar keine anale Phase mehr durchlaufen, kann demzufolge auch keine anale Fixierung entwickeln, sondern ist als „digital native“ von Geburt an mit einem Facebook-, Youtube- und Twitter-Account ausgestattet und hat Zugriff auf die angesagtesten Online-games. Das Töpfchen der kleinen Scheißerle ist mit einem digitalen Sensor ausgestattet, der unmittelbar nach Vollzug des großen Geschäftes über eine Sonde im Stammhirn Glückshormone ausschüttet und den Spieltrieb enthemmt, wie auf der jüngsten gamescom in Köln zu erfahren war. Hinweis für alle digitalen Analphabeten unter meinen Blog-Abonnent*innen, die immer noch Halmafiguren auf dem Brett hin- und herschieben: Die gamescom ist das weltgrößte Event für die geilsten Computerspiele und hat es in den letzten Wochen geschafft, FEARTURE hinter Gitter zu bringen und den Vault zu öffnen. Epischer Loot erwartet uns! Alles klar?)
Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, anal oder digital, bzw. digitale Transformation. Von der Digitalisierung gehen große Hoffnungen aus. Die Künstliche Intelligenz (KI) zum Beispiel, ein Produkt der Digitalisierung, wird dem Menschen in Zukunft viele komplexe Denkaufgaben abnehmen. Mit der natürlichen Intelligenz und mit den komplexen Denkaufgaben sieht es bei der menschlichen Spezies nicht sonderlich gut aus, wenn wir mal von Albert Einstein und Joschka Fischer absehen. In meiner Lehrzeit hieß es noch, man solle das Denken den Pferden überlassen, die hätten die größeren Köpfe. Jetzt werden die Pferde durch die KI abgelöst. Die KI kann wahnsinnig schnell rechnen und eine irre große Zahl an Nachkommastellen der Zahl PI ausrechnen. Unsere Fundamentalkritik daran lautet: Wer zum Teufel braucht eigentlich so viele Nachkommastellen der Zahl PI? Im Grunde ist die KI doch strunzdumm und maximal in der Lage, eine 0 von einer 1 zu unterscheiden! Das reicht aber offensichtlich, um dem menschlichen Verstand überlegen zu sein. Eine bittere Erkenntnis.
Trotzdem wollen wir uns der digitalen Transformation nicht prinzipiell verweigern, wo immer sie uns demnächst über den Weg läuft. Vom „Internet of Things“, der „Blockchain“ oder den „Augmented-Reality-Solutions“ erwarten wir uns grundstürzende Lösungen bei unseren trivialen Alltagsfragen wie: Wo habe ich wieder den Autoschlüssel hingelegt? Wer bringt heute den Müll runter? Oder: Wie war nochmal das fucking Passwort beim online-banking?
Wir wollen natürlich nicht als Feind jeglichen Fortschritts dastehen. Digitalisierung muss wohl sein und selbige ist ja per se weder gut noch schlecht. Sie hat sich längst in unserem Leben breit gemacht. Auch dieser Blog führt ein digitales Dasein, selbst wenn die Beiträge dafür noch richtig oldschoolmäßig analog verfasst werden. Die Digitalisierung, so hören wir, ist ähnlich wie die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert, die Einführung der Dampfmaschine und damit der Beginn der industriellen Revolution im 18. Jahrhundert, die Elektrizität und die Jeans im 19. Jahrhundert, die Erfindung der Gummibärchen und der lenkbaren Bratkartoffel im 20. Jahrhundert und schließlich des Internets im 21. Jahrhundert ein Quantensprung der menschlichen Zivilisation. Lange davor gab es noch die Erfindung des Rads bzw. des Schießpulvers, beides zivilisatorische Errungenschaften, die es leichter machten, die Wirtschaft anzukurbeln, Sklavenhandel zu treiben und Kriege zu führen. Eine wichtige neue digitale Entwicklung sind bewaffneten Kampfdrohnen, mit deren Hilfe Kriegsgegner oder auch nur politisch unliebsame Menschen per Knopfdruck aus der Distanz liquidiert werden können, ohne sich selbst mit Blut zu besudeln – allenfalls noch sprichwörtlich.
Falls das jetzt zu polemisch rüberkam, hier noch ein paar Argumente pro Digitalisierung: Um den Kühlschrank aufzufüllen, genügt ein Blick auf die „Was ich noch einkaufen muss-App“. Während des Urlaubs auf den Fidschi-Inseln kann ich zuhause die Jalousien runterlassen – dafür muss ich dann nicht mehr die blöden Nachbarn bemühen. Das Auto fährt von alleine in die Garage, ohne Beulen und Schrammen. Unter der Stadtbahnbrücke lebende Obdachlose können ihren digitalen Sammelhut vor dem Supermarkt jederzeit per remote access auf deren Inhalt überprüfen – mit der „Haste mal ´nen Euro-App“, usw. Wen das nicht überzeugt, hier noch das ultimative Argument für die schöne neue Welt der digitalen Transformation: Die Wertschöpfungsketten der global operierenden Konzerne werden im digital age optimiert, neue Geschäftsmodelle und -chancen werden erschlossen, die performance, mit der sich Unternehmen in die zukünftigen Märkte wagen, wird verbessert. Dagegen kann man doch eigentlich nichts haben, oder? Wir wollen doch auch in Zukunft unsere Erdbeeren aus Chile zu Weihnachten auf dem Tisch haben!
Schweinestau: 750.000 Schweine in der Warteschlange
Veröffentlicht: 7. September 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Wirtschaft | Tags: Julia Klöckner, Massentierhaltung, Schweinestau Hinterlasse einen Kommentar
…das vermeldete kurz vor Weihnachten letztes Jahr die niedersächsische Agrarministerin Barbara Otte-Kinast. Für die Schweinezüchter eine Katastrophe, so die Ministerin unter Tränen. Es ist nicht bekannt, ob sich der Stau inzwischen aufgelöst hat.
Wie dem auch sei: Die Schweine sehen das vermutlich mit gemischten Gefühlen. Versetzen wir uns mal in deren Lage: Schlangestehen ist ja an sich schon nervig genug. In der Regel wartet aber am Ende etwas Erfreuliches: Die letzten Kinokarten, eine Corona-Impfung, der freigewordene Serviceschalter im Kundencenter der Bahn. Anders bei den Schweinen: Für sie wartet die Exekution mittels Betäubungspistole – im günstigsten Falle. Manchmal auch die eine oder andere brachiale Methode – siehe Horroraufnahmen aus Schweinemastbetrieben.

Und was meint die Zeitschrift „beef“, das Zentralorgan des Schlachterhandwerks und Kampfpostille für den Erhalt der deutschen Bratwurst dazu? Nichts. Stattdessen: „Wie grille ich mich ins Herz einer Frau?“. Das hilft den Schweinen auch nicht wirklich. Julia Klöckner, unsere Bundeslandwirtschaftsministerin, sieht sogar eine Mitschuld bei den Schweinehaltern. Hallo! Da hätte man eigentlich anderes von ihr erwartet. Zum Beispiel die Empfehlung, an Weihnachten mal über den Gänsebratenschatten zu springen und einen ordentlichen Schweinerollbraten zu servieren! Dann hätte sie allerdings flugs den Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) auf dem Hals. Vielleicht hilft aber auch die Afrikanische Schweinepest (ASP) beim Abbau des Schweinestaus.
Wir bleiben dran.
Nie wieder Krieg? Fragen eines Pazifisten
Veröffentlicht: 1. September 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Gesellschaft, Innenpolitik, Internationale Politik, Krieg, Pazifismus | Tags: Antikriegstag, Krieg, Responsibility to Protect, Zivile Krisenprävention Ein KommentarAm 1. September wird in Deutschland jedes Jahr der Antikriegstag begangen. Mit diesem Gedenktag, der vom Deutschen Gewerkschaftsbund 1957 initiiert wurde, wird an den Beginn des Zweiten Weltkrieges und den Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen erinnert. Von den Vereinten Nationen wird seit 1981 der 21. September als Weltfriedenstag begangen. Ob Antikriegs- oder Weltfriedenstag: Wie realistisch oder utopisch ist der Wunsch nach oder die Vorstellung von einer Welt ohne Krieg? Ist ein radikaler Pazifismus mit seinem trotzigen „Nie wieder Krieg“-Slogan eine belächelte, romantisch-utopische, weltfremde Haltung, die sich weigert, die Realität anzuerkennen?

Zunächst zur Realität. Unter den aktuellen Kriegen – nach offizieller Zählung 21 – finden wir u.a. Afghanistan, Syrien, Jemen, Äthiopien, Südsudan, Mali, Ukraine, Kolumbien. Die Geschichte der Menschheit ist seit der Antike bis in die Gegenwart auch eine Geschichte von Kriegen. Ein Blick auf die lange Liste der Kriege etwa bei Wikipedia macht dies erschreckend deutlich. Die traumatischen Erfahrungen mit den verheerenden beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts haben nicht, wie von manchen erhofft, zu einer Ächtung des Krieges und zu einem weltweiten Konsens geführt, Konflikte ohne Gewalt zu lösen.
Schon 1924 brachte Käthe Kollwitz in dem berühmten Plakat den Wunsch nach „Nie wieder Krieg“ zum Ausdruck.
Das „Heidelberg Institute for International Conflict Research“ (HIIK) ermittelt jedes Jahr das weltweite Konfliktgeschehen im sog. Heidelberger Konfliktbarometer und unterscheidet dabei fünf Konfliktstufen (siehe Grafik):

Für die höchste Stufe 5, den Krieg, stellt das HIIK in seinem jüngsten Bericht für 2020 fest: „Compared to 2019, the overall number of full-scale wars increased from 15 to 21“ – also eine deutliche Steigerung bei der Anzahl der Kriege gegenüber dem Vorjahr. Auch wenn diese Zahlen von Jahr zu Jahr variieren, muss ernüchternd festgestellt werden, dass im langfristigen Trend nicht weniger, sondern eher mehr Kriege geführt werden. Es steht also ausgesprochen schlecht um den Weltfrieden.
Bleibt also der im „Nie wieder Krieg“ zum Ausdruck kommenden Wunsch eine Utopie und der Pazifismus eine Spielwiese für Realitätsverweigerer? Für eine persönliche Antwort auf diese Frage muss ich ein paar biografische Hintergründe bemühen. 1968, im Alter von 20 Jahren, stellte ich einen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer. Damals musste man seine Gewissensentscheidung noch vor einem Ausschuss rechtfertigen und dümmliche Fragen beantworten wie: „Sie gehen mit Ihrer Freundin im Wald spazieren. Plötzlich kommen drei Russen und wollen Ihre Freundin vergewaltigen. Was tun Sie?“ Leider war ich damals nicht schlagfertig genug, um mit einer noch dümmlicheren Antwort zu parieren („Ich nehme meine Kalaschnikow, die ich bei solchen Gelegenheiten immer bei mir führe, und ratatatata…“). Ich erinnere die genaue Antwort nicht mehr, aber ich wurde als Kriegsdienstverweigerer anerkannt. Etwa zur gleichen Zeit hatte ich für das über den Zweiten Bildungsweg angestrebte Abitur das Thema „Christ und Kriegsdienstverweigerung“ als Abschlussarbeit gewählt, was zwangsläufig zu einer intensiven Beschäftigung mit so Sachen wie Gerechter Krieg, ius ad bellum, konstantinische Wende, Augustinus, usw. führte. Kriegsdienstverweigerer waren zum Ersatzdienst verpflichtet. In meinem Fall war das ein dreijähriger Einsatz im Entwicklungsdienst in Bolivien. Es war die Zeit linker Aufstandsbewegungen und rechter Militärputsche in Ländern wie Bolivien, Chile, Argentinien, später in Nicaragua und El Salvador. Das schürte erste Zweifel an meinem bis dahin lupenreinen Pazifismus. Wieviel Widerstand, zur Not auch mit Gewalt, gegen diktatorische Regime, gegen Unrecht und Unterdrückung, ist legitim? Eine Beendigung der Nazidiktatur und der Shoa wäre ohne militärische Intervention der Alliierten nicht möglich gewesen. In Belarus, um ein aktuelles Beispiel zu nennen, konnte der friedliche, gewaltfreie Protest nicht zu einer Beendigung der Diktatur Lukaschenkos führen. Heute wird die Diskussion dazu unter dem Stichwort „responsibility to protect“ (Schutzverantwortung, abgekürzt R2P) geführt. Die R2P räumt im Falle, dass eine nationale Regierung die eigene Bevölkerung nicht vor Völkermord, ethnischen Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu schützen vermag oder selbst Urheber der Menschrechtsverletzungen ist, der internationalen Gemeinschaft das Recht zur militärischen Intervention als ultima ratio ein.
Eine konsequent pazifistische Position müsste also das Konzept der R2P ablehnen, zumindest was den Teil der militärischen Intervention betrifft. Sie müsste aber dann die Frage beantworten, wie massive Menschenrechtsverletzungen ohne Gewalt verhindert oder beendet werden können. So richtig die Forderung nach einem Vorrang ziviler Krisenprävention sowohl in der deutschen Außenpolitik als auch in der internationalen Politik ist, so richtig ist es auch, dass gewaltfreie Ansätze nicht immer und überall geeignet sind, Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verhindern (Beispiel Genozid in Ruanda 1994). Diese Erkenntnis entbindet uns nicht von der Pflicht, alle gewaltfreien Mittel auszuschöpfen, bevor als letztes Mittel militärisch interveniert wird.
Die Waffenschmiede Heckler & Koch verkündete gestern, dass der Gewinn im ersten Halbjahr 2021 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 50 % gesteigert werden konnte. Der Antikriegstag wäre doch mal ein guter Anlass, den Export von Waffen und Rüstungsgütern aus Deutschland zu verbieten.
Damit wären wir wieder auf dem Boden der Realität angelangt. Ich bleibe aber dabei, dass die Utopie des „Nie wieder Krieg“ ihre Berechtigung hat, und begründe dies mit einem Adorno-Zitat: „Empfindsam bleiben ist eine gleichsam utopische Haltung, die Sinne für ein Glück geschärft zu halten, das nicht kommen wird, jedoch uns im Bereitsein für es vor den ärgsten Verrohungen schützt“.



