Rechte Volksfront: Neue Parteien, die das Land nicht braucht
Veröffentlicht: 6. Januar 2024 Abgelegt unter: Allgemein, Gesellschaft, Innenpolitik, Neue Rechte, Wahlen | Tags: AfD, Bündnis 90 / Die Grünen, Hans-Georg Maaßen, Hubert Aiwanger, Markus Söder, Sahra Wagenknecht, Verbotspartei 2 KommentareEine neue Seuche durchwabert das Land: Die Parteigründeritis. Warum bloß werden dauern neue Parteien gegründet? Bernd Lucke hat es getan („Wir Bürger“), Steffen Große hat es getan („Bündnis Deutschland – für Freiheit, Wohlstand, Sicherheit“), Sahra Wagenknecht tut es demnächst mit ihrem links-konservativen „Bündnis Sahra Wagenknecht – Für Vernunft und Gerechtigkeit“. Und jetzt auch noch Hans-Georg Maaßen: der Ex-Verfassungsschutzpräsident mit AfD-Gesinnung, dem die CDU zu links ist, plant nach eigenem Bekunden die Gründung einer Partei.

Die rotzkonservative Werteunion, der Maaßen vorsteht, ist irgendwie gegen Flüchtlinge, gegen Gendern, gegen Corona, gegen Klima, gegen Lügenpresse und gegen die links-grün versiffte CDU unter Merz. Maaßen kann sich, wie er in Interviews verlauten lässt, auch eine Zusammenarbeit mit der AfD vorstellen. Höcke und Maaßen Hand in Hand mit Siegerpose am Wahlabend in Thüringen? Vielleicht mit Koalitionsangebot an das Bündnis Sahra Wagenknecht?
Wer aber soll diese rechte Volksfront stoppen? Etwa die Linken oder die Grünen? Die Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ wird ja gerne vom bajuwarischen Leberkäsapostel Markus Söder oder von Krawallpolitikern wie Hubert Aiwanger als Verbotspartei denunziert.
Diesen Titel tragen die Grünen zu Unrecht. Für eine wahrhaftige Verbotspartei fehlt ihnen einfach der Mumm und die Zivilcourage. Eine Verbotspartei, wie sie mir vorschwebt und für die ich mich schon mal als Kanzlerkandidat bewerbe, müsste – für den Fall, dass sie die Regierung bildet – mal so richtig in den Instrumentenkasten der Verbote reinlangen und per Gesetz zum Beispiel verbieten:
- Kleinkinder mit dem Hausfrauenpanzer in die Kita fahren
- Fenster von Bussen und Straßenbahnen mit Werbefolien zukleben
- die Seuche, zu jedem Pups zu einer Bewertung aufgefordert zu werden
- Radiogedudel in Frühstücksräumen von Hotels
- „Herzlichen Glückwunsch Sie haben gewonnen“-Anrufe
- Auftritte von Dieter Nuhr, Helene Fischer und Florian Silbereisen im Öffentlich-rechtlichen Fernsehen
- Künstlichen Rennwagensound in Kleinst-PKWs einbauen
- Usw.
Jedenfalls wäre damit schon mal ein Anfang gemacht. Und, nicht zu vergessen: Die Neugründung überflüssiger rechter Parteien verbieten. Ok, das riecht jetzt gewaltig nach Abschaffung der Demokratie und des Rechtsstaats, aber solange die richtigen Sachen verboten werden, kann man doch mal ein Auge zudrücken, oder? Hat das nicht Platon auch schon so ähnlich gemeint?
Hoffnungen zum Jahreswechsel: Erwarten wir getrost, was kommen mag
Veröffentlicht: 1. Januar 2024 Abgelegt unter: Gesellschaft, Kirche | Tags: Dietrich Bonhoeffer, Maria von Wedemeyer 2 KommentareMan muss sie nicht mögen, auch wenn sie zum offenbar unverzichtbaren Brauchtum und Ritual unserer Wohlstandsgesellschaft gehören: Die lauten, alkoholgeschwängerten Feiern zum Jahreswechsel mit Silvesterknallerei, die ausgelassenen Geselligkeiten im Familien- oder Freundeskreis, die immer gleichen glitzerbunten, mit gutgelaunten Stars und schönen Sternchen besetzten Fernsehgalas mit ihrem seichten Schlagergedudel und kitschtriefenden Kinderchören, die Massenpartys auf öffentlichen Straßen und Plätzen – letztere zunehmend begleitet von Gewaltexzessen, Angriffen auf Polizei und Ordnungskräfte, sexuellen Übergriffen und Sachbeschädigungen.
Geht es eigentlich auch anders? Wäre es nicht angebracht, gerade im Rückblick auf das vergangene Jahr und auf den Zustand dieser Welt mit noch mehr Kriegen und Gewaltkonflikten, mit weltweit wieder zunehmender Armut und steigenden Flüchtlingszahlen, mit ungebremstem Klimawandel und Zerstörung von Natur und Umwelt, mit steigenden Zustimmungswerten rechter Parteien – wäre es da nicht angebracht, innezuhalten, still zu werden und, zusammen mit Familie, engen Freunden, Nachbarn das neue Jahr mit einem nachdenklichen Text oder einem Lied zu begrüßen? Ja, das klingt nach Spaßbremse, meinetwegen. Natürlich darf man ausgelassen feiern, wenn einem danach zumute ist. Mir war dieses Jahr eher nicht danach zumute.
Ein Lied, das sich wie kaum ein anderes eignet, auf stille und nachdenkliche Weise den Jahreswechsel zu begehen, ist „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Text und Melodie kann man unter diesem Link finden.
Der Text wurde von dem Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer in der Gestapohaft im Dezember 1944 verfasst, wenige Wochen vor seiner Hinrichtung durch die Nazis. Er ist Teil eines Briefes vom 19.12.1944 an seine Braut Maria von Wedemeyer[1]. Man kann aus den Zeilen schließen, dass Bonhoeffer sein Schicksal erahnte, als er dichtete: „Und reichst du uns den schweren Kelch den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand…“ Trotz allem ist der Text von großem Vertrauen und Zuversicht in die Zukunft geprägt.
In diesem Sinne und „von guten Mächten wunderbar geborgen“, wünsche ich den Leserinnen und Lesern meines Blogs ein frohes Neues Jahr. Ich freue mich, wenn Sie meinem Blog weiterhin treu bleiben.
[1] Brautbriefe Zelle 92. Dietrich Bonhoeffer, Maria von Wedemeyer, 1943 – 1945. Hrsg. von Ruth-Alice von Bismarck und Ulrich Kabitz, C.H. Beck München 1995, S. 209
Richtigstellung zur mutmaßlichen Beleidigung von Dieter Nuhr
Veröffentlicht: 28. Dezember 2023 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft, Kultur | Tags: Dieter Nuhr, Joschka Fischer Ein KommentarWer meinen Beitrag vom 26. Dezember „Nur bei Nuhr im Ersten: Penis eingefroren“ meint dahingehend interpretieren zu müssen, ich hätte Nuhr als Austrittsöffnung des Darmkanals (Anus) bezeichnet – um nicht die ordinäre Version dieser umgangssprachlichen Form der Beleidigung zu wählen, der oder die hat mich gründlich missverstanden. Eine derart koprogene Wortwahl würde auch gar nicht zu dem von mir bevorzugten elaborierten Code (lautsprachlich leicht zu verwechseln mit Kot) passen.
Die Kunst der gepflegten Beleidigung, im Gegensatz zur derben, dereinst durch Joschka Fischer im Bundestag salonfähig gemacht („Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“, am18. Oktober 1984 an den Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen gerichtet), besteht eben gerade nicht darin, die zu beleidigende Persönlichkeit auf einen einzigen Körperteil zu reduzieren.
Im Falle von Dieter Nuhr wäre übrigens, wenn schon Körperteil, ob seiner offensichtlichen Vorliebe für eingefrorene Penise, der Phallus statt des Anus die richtige Wahl gewesen. Genauer: Der Phallus impudicus, auch bekannt als Gemeiner Stinkmorchel.
Nur bei Nuhr im Ersten: Penis eingefroren
Veröffentlicht: 26. Dezember 2023 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft, Innenpolitik, Kultur | Tags: Dieter Nuhr Ein KommentarJetzt ist die Zeit der Jahresrückblicke. Das Jahr 2023 bietet dafür reichlich Stoff – leider wenig Erfreuliches, kaum Hoffnungsvolles. Stattdessen Kriege, extreme Gewaltexzesse, Naturkatastrophen. „Ob das nächste Jahr besser wird, ist ungewiss“ – schreibt Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der ZEIT in der jüngsten Ausgabe, denn „in Wirklichkeit droht uns 2024 politisch ein annus horribilis – mit Rekordgewinnen für die AfD und andere politische Bewegungen“. Für Nicht-Lateiner: Annus ist nichts Unanständiges. Anus, rein medizinisch betrachtet, auch nicht. Damit wäre der Übergang zu Dieter Nuhr hergestellt, der sich selbst als Komiker bezeichnet – manche nennen ihn auch einen Kabarettisten. Dieter Nuhr über Dieter Nuhr: „Dieter Nuhr ist einer der bekanntesten Satiriker Deutschlands, hat eine eigene Sendung in der ARD, füllt riesige Hallen mit seinen Bühnenshows, und seine Analysen der Gegenwart in den Medien bewegen die Menschen und die öffentliche Meinung.“
Am 22. Dezember durfte Nuhr seinen schon traditionellen Jahresrückblick, seine Analyse (mit Betonung auf anal) der Gegenwart in der ARD präsentieren. Ich habe nach wenigen Minuten, an der Stelle mit dem eingefrorenen Penis, angewidert abgeschaltet. Ein Freund meinte am nächsten Tag voller Begeisterung: Habt Ihr Dieter Nuhr gesehen? Super! Was hätte ich ihm sagen können, um meine Abneigung gegen Nuhr im Allgemeinen und seinen Jahresrückblick im Besonderen zu begründen? Also habe ich mir später die ganze Sendung in der Mediathek angeschaut, unter Schmerzen. Zum Setting: Die vollbesetzte Halle, wo die Sendung aufgezeichnet wurde, johlte bei jedem noch so billigen Gag und besonders laut bei platten populistischen Statements wie: „Es lohnt sich kaum noch, zu arbeiten; manche gehen noch arbeiten, weil sie glauben, mehr zu verdienen als die, die nicht arbeiten; Deutschland ist im Sinkflug und stürzt schneller ab als Prigoschin; Deutschland hat den Entwicklungsstand von Ruanda noch nicht erreicht; Robert Habeck steht im Keller und will die Heizung rausreißen“, usw.
Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder? War es Söder, Merz, das Leitkultur-Linnemännchen oder gar Björn Höcke? Jedenfalls bedient Nuhr die Plattitüden, Ressentiments und Stammtischweisheiten aus dem Zettelkasten konservativer und rechter Politikerkreise. Das kommt gut an, das Volk im Saal tobt, je platter und gleichzeitig falscher das rausgehauene Klischee ist. Richtig schlimm wird es, wenn Nuhr den Medien bescheinigt, beim Klimawandel zu eskalieren und sich über alarmierende Meldungen zum Klimawandel lustig macht, wenn er den UN-Generalsekretär António Guterres als Antisemiten diffamiert, Luisa Neubauer als ausgebildete Apokalyptikerin, von queeren Aktivisten labert und sich über Ricarda Lang und Kevin Kühnert lustig macht und Franziska Brantner beleidigt. Gut, der Satiriker, der Kabarettist darf das, er muss es sogar, und er darf zuspitzen. Nur macht Nuhr (dieses blöde Wortspiel sei mir verziehen) in Wirklichkeit kein Kabarett, sondern eine Art Politpredikt oder CSU-Parteitagsrede nach dem Motto: Jetzt hauen wir mal richtig feste auf die Grünen, die SPD, die Letzte Generation, die Feministinnen und wer oder was sich sonst noch alles für populistische Applausheischerei anbietet. Manchmal lacht er über seine eigenen Witze, die gar nicht so witzig sind, gelegentlich auch unter der Gürtellinie. Zum Beispiel die Sache mit dem eingefrorenen Penis: Das sei einem Skilangläufer im hohen Norden passiert, „für den kam die Erderwärmung zu spät“ (hahaha …). Und der habe dann vermutlich mit drei Stöcken das Rennen gewonnen (Brüller!). Der eingefrorene Penis kommt im Nuhr´schen Jahresrückblick noch zweimal vor, er scheint sich – Achtung Kalauer – daran entlangzuhangeln.
Nicht alles ist falsch, was Nuhr an gesellschaftlichen Missständen und Widersprüchen auf die Schippe nimmt. Und er grenzt sich – Respekt! – knallhart gegen die AfD ab. Damit ist die Abgrenzung nach rechts aber auch schon abgearbeitet. SPD, Linke und Grüne? Alle unfähig, blöd, infantil. Deren Schwächen und Fehler darf der Satiriker gerne genüsslich ausschlachten, und das tut Dieter Nuhr ausführlich und ziemlich unwitzig. Erstaunlich aber ist, dass in der ganzen Show – immerhin 60 Minuten lang – kein einziges Mal die CDU/CSU und deren durchaus kabarettistisch verwertbare Repräsentanten vorkommen. Und auch kein Wort über die FDP – die ist doch an der Regierung beteiligt? Und darf bei einem Jahresrückblick ein Hubert Aiwanger fehlen? Der hätte doch zumindest einen Ehrenplatz verdient gehabt? Fehlanzeige. Stattdessen dreimal ein gefrorener Penis.
Weihnachtseinkäufe: Es bleiben nur noch wenige Tage!
Veröffentlicht: 12. Dezember 2023 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft, Wirtschaft | Tags: Weihnachtsgeschäft Hinterlasse einen KommentarDer Einzelhandel ist nicht zufrieden, wie es bisher mit dem Weihnachtsgeschäft so läuft. Die Leute kaufen weniger als erwartet. Dabei hatte man gehofft, dass die vielen schlechten Nachrichten dieser Tage die Kauflaune der Menschen anheizen. Wer zu viel Doomscrolling betreibt – so nennt man das Durchblättern von Kriegs-, Krisen- und Katastrophenmeldungen in den sozialen Medien -, der kriegt schlechte Laune. Dagegen hilft Shopping, denn das macht gute Laune. Statt Hinrichtungsvideos der Hamas also lieber die Glitzerprospekte der Kaufhäuser durchblättern, die uns all die schönen Dinge anpreisen, die wir unbedingt noch für ein besseres Leben brauchen. Zum Beispiel den neuesten Toaster im Retrolook mit Warmwasserbeleuchtung und KI-gesteuerter Auswurffederung. Man möchte ja auch nicht zu den Spaßverderbern gehören, die jedes Jahr schwören, sich nichts zu schenken.
Wie aber richtig schenken? Es ist wirklich nicht leicht, das passende Geschenk für die Frau/Geliebte/Oma/Schwiegermutter zu finden. Bei allem, was einem in den Sinn kommt, folgt die Erkenntnis: „Alles, alles hat´se schon.“ (so besungen von den Prinzen in „Was soll ich ihr schenken?“) Gut, die Schachtel Pralinen geht zur Not immer, auch die Flasche Wein für den Briefträger. Der war übrigens früher immer derselbe (nee, eben nicht dergleiche!). Jetzt kommt jeden Tag jemand anderes, auch Frauen sind dabei, man kann gar keine tragfähige Beziehung mehr aufbauen zu den Postbediensteten, was das Schenken auch nicht gerade einfacher macht.
Postboten, Müllmänner (gendern?) oder Zeitungsausträger/innen unterliegen allerdings nicht der allgemeinen weihnachtlichen Beschenkungspflicht. Bei Familienangehörigen ist das Beschenken dagegen moralisch zwingend geboten. Das meint jedenfalls der Einzelhandel. Der tut, was er kann, um unsere Kaufhemmung im Keller einzusperren und berieselt uns schon seit Wochen mit Vorschlägen für das perfekte Geschenk. Hier eine kleine Auswahl:

Pickel-Ausdrück-Simulator: Das Drücken des Pickelsimulators hilft, Zwangsstörungen zu behandeln, Stress abzubauen, Anspannungen abzubauen oder schlechte Laune loszuwerden.
Aufblasbarer Santa mit Rentierschlitten, Höhe 140 cm, 79 Euro bei Bauhaus (leider zur Zeit nicht lieferbar)


Für unsere Teenager, die auch beim Stuhlgang nicht ohne Smartphone sein können: 3-in-1-WC-Standgarnitur Bambus mit WC-Bürste, Toilettenpapierhalter und Smartphoneablage, 19,99 Euro bei „Gutes für Alle“
Und dazu passend die Klobürste für alle, die ihren Stuhlgang mit einem politischen Statement verbinden wollen: Die Donald Trump Klobürste für 19,99 Euro bei amazon …


Personalisierbare Salami Kabeltrommel, 24,99 bei Geschenke24.de
Für die Damen, wenn der große Gesäßmuskel (Musculus Gluteus Maximus) müde wird und der Hintern nicht mehr in die Hose passen will: Po Push Up Leggings für 29,99 Euro bei Lascana, zahlbar auch in drei Raten


Besonders originell als Beispiel für hirnlose Geschenke: Das Schokohirn für 12,95 Euro bei „Monsterzeug“
Für Männer, die das regelmäßige Wechseln von Unterhosen sowieso überflüssig finden (oder doch eher für Frauen?): Der zuckersüße Männerslip zum genüßlich Wegknabbern. Für 17,95 Euro bei Monsterzeug – Schenken macht glücklich


Gegen das gesundheitsgefährdende Massieren nur einer Gesichtshälfte: Kühlende Kosemetikkugel für die gleichzeitige Massage beider Gesichtshälften (14,99 Euro im ALDI onlineshop)
Zeige deine Liebe zu Burgern bis in die Zehenspitzen mit unseren coolen Burger Socken. 16,90 Euro bei „Geschenke.de“


Und hier mein persönlicher Favorit, auch zum Selberbasteln: Entertaste zum Frustabbau gegen die nervigen Updates von Windows, Google und Konsorten
„Gesichert rechtsextremistisch“: Es ist noch nicht zu Ende.
Veröffentlicht: 8. Dezember 2023 Abgelegt unter: Gesellschaft, Innenpolitik, Neue Rechte, Wahlen | Tags: Alternative für Deutschland, CDU Hinterlasse einen KommentarNun wird also mit Sachsen auch der dritte Landesverband der AfD, nach Thüringen und Sachsen-Anhalt, vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft. Für diese Erkenntnis haben die Pappnasen vom Verfassungsschutz vier Jahre gebraucht. Und was folgt daraus? Die Umfragewerte der AfD steigen weiter, egal wie rechts. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, dass die AfD-Dumpfbacken mit ihrer menschenverachtenden Politik das Klima nicht nur im Bundestag, sondern in allen (!) Landesparlamenten verpesten können. Unlängst hat die AfD bei den Wahlen in Hessen (von 5,3 auf 18,4 %) und Bayern (von 4,4 auf 14,6 %) kräftig zugelegt. Und das ist noch längst nicht das Ende: Auf vergleichbare Zuwächse darf sie nach den aktuellen Umfrageprognosen bundesweit rechnen (siehe Tabelle, Quelle: www.dawum.de ). Höchst beunruhigend daran ist, dass gleichzeitig andere konservative Parteien wie CDU/CSU und Freie Wähler ebenfalls zulegen.

Wenn jetzt Wahlen wären, würde die AfD in fünf Bundesländern zur stärksten Kraft (Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) mit jeweils über 30 Prozent der Wählerstimmen. Im Bundestag droht die AfD zur zweitstärksten Partei nach der CDU zu werden. Apropos CDU: Die macht angesichts ihrer ebenfalls hohen aktuellen Zustimmungswerte mächtig einen auf dicke Hose und überbietet sich mit der FDP in Forderungen nach dem Abbau von Sozialleistungen und der Verschärfung des Asylrechts. Gleichzeitig erklären sie die Grünen zum politischen Hauptgegner und zur Gefahr für die Demokratie in Deutschland. Hallo Friedrich Merz, Carsten Linnemann und Thorsten Frei (der Mann, der sich offenbar jeden Morgen die Haare in der Fritteuse wäscht): Merkt ihr wirklich nicht, woher der Wind in dieser Republik weht?
Weltklimakonferenz in Dubai: Zivilgesellschaft fordert Kurskorrektur
Veröffentlicht: 4. Dezember 2023 Abgelegt unter: Gesellschaft, Internationale Politik, Klimawandel, Wirtschaft, Wissenschaft | Tags: COP, Klimawandel, Weltklimakonferenz Hinterlasse einen KommentarDerzeit findet die 28. Weltklimakonferenz COP (Conference of the Parties) in Dubai / Vereinigte Arabische Emirate (VAE) statt. Man kann an diesen Konferenzen vieles kritisieren: Alle Beschlüsse müssen einstimmig gefasst werden, am Ende steht also immer ein Minimalkonsens. Zudem handelt es sich um Absichtserklärungen, bei Nichteinhaltung drohen keine Sanktionen. Der CO2-Fussabdruck der Konferenz selbst ist bei 70.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gewaltig. Die COP28 ist auch wegen des Gastlandes VAE umstritten: Ein Staat, der nicht gerade für seine demokratischen Freiheiten oder für ein klimafreundliches Wirtschaftsmodell bekannt ist. Ein Land, dessen exzessiver Reichtum auf dem Verkauf fossiler Energieträger wie Öl und Gas beruht. Die VAE haben mit 21,8 t pro Kopf (2021) einen der weltweit höchsten CO2-Emissionen. Der weltweite Durchschnitt liegt bei 4,69 Tonnen pro Kopf. Und schließlich die „Bock-zum-Gärtner“-Kritik: Offizieller Gastgeber und Präsident der Konferenz ist Sultan Ahmed Al-Dschaber, der Chef des staatlichen Ölkonzerns Adnoc. Dazu Greenpeace-Chef Martin Kaiser: „Das ist so, als ob das Umweltbundesamt vom Chef von VW geleitet würde“. Statt des VW-Chefs wäre mir da eher Donald Trump eingefallen. Oder Volker Wissing. Aber egal. Wenn die Konferenz Vorschläge entwickeln soll, wie der Anteil fossiler Energieträger reduziert werden kann, dann ist nicht zu erwarten, dass ausgerechnet der Gastgeber dabei die treibende Kraft ist. Claudia Kempfert, Klima-Expertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), vermutet, dass der Sultan „alles verhindert wird, was eigentlich notwendig ist“.

Wie dringend ein Kurswechsel ist, zeigen die jüngsten alarmierenden Zahlen des Zwischenstaatlichen Sachverständigenrats für Klimaänderungen (Intergouvernemental Panel on Climate Change, IPCC). Danach ist die globale Durchschnittstemperatur allein von 2011 bis 2020 bereits um 1,1 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau gestiegen. 2023 wird wohl das bisher wärmste gemessene Jahr in der Geschichte werden. Inzwischen rechnen Klimaforscher damit, dass die globale Temperatur bis Ende dieses Jahrhunderts selbst dann um 2,5 bis 2,9 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit steigt, wenn die Staaten ihre jeweiligen Ziele zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen einhalten.
Die Bundesregierung bekommt für ihre halbherzige Klimapolitik weder von deutschen Gerichten noch von zivilgesellschaftlichen Organisationen ein gutes Zeugnis ausgestellt. Der Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO) hat zusammen mit der Klimaallianz Deutschland anlässlich der COP28 Forderungen an die Bundesregierung formuliert: „Kurskorrektur für den Klimaschutz“. Darin fordern die Herausgeber die Bundesregierung auf, „sich aktiv für eine zügige Umsetzung und angemessene Finanzierung des Fonds für klimabedingte Schäden und Verluste einzusetzen. Ebenso muss die Bundesregierung darauf hinwirken, dass die Weltklimakonferenz einen gerechten Ausstieg aus fossilen Brennstoffen vereinbart. Um die 1,5-Grad-Grenze zu halten, ist eine Einigung über den Ausstieg aus allen fossilen Brennstoffen auf der diesjährigen Konferenz entscheidend.“
Nachtrag: Heute wird berichtet, der Sultan Al-Dschaber halte den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern für unnötig. Quod erat demonstrandum.
Ein Loch ist im Haushalt, oh Lindner, ein Loch.
Veröffentlicht: 24. November 2023 Abgelegt unter: Allgemein, Gesellschaft, Innenpolitik, Wirtschaft | Tags: Christian Lindner, FDP, Schuldenbremse Hinterlasse einen KommentarNach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Bundeshaushalt herrscht in Regierungskreisen große Panik: Wie kann das entstandene Haushaltsloch von 60 Mrd. Euro gestopft werden? Schuldenbremse abschrauben und neu zusammenfriemeln (will die FDP nicht, die CDU aber auch nicht)? Bürgergeld / Renten / Kindergrundsicherung / Asylbewerberleistungen – einfach das ganze Gedöns kürzen (will die FDP, aber auch die CDU)? Porsche von Christian Lindner verkaufen (bringt eh nichts)?

Jetzt hat der Finanzminister auch noch sein bestes Pferd im Stall, den langjährigen Staatssekretär Werner Gatzer (SPD), gefeuert. Der soll an allem Schuld sein. Ne, ne, Herr Lindner. Nicht der Staatssekretär ist das Problem. Auch nicht das Bundesverfassungsgericht, nicht die Schuldenbremse und nicht Corona oder der Ukrainekrieg. Das Problem ist die FDP. Die blockiert nämlich alles, was kurzfristig und nachhaltig zu einer Verbesserung der Haushaltssituation führen könnte. Steuererhöhungen für Besserverdienende etwa. Oder der Abbau umweltschädlicher Subventionen. Diese allein betragen 65,4 Mrd. Euro im Jahr. Beispiele dafür sind die Steuerbefreiung für Flugbenzin (8,3 Mrd.), das sogenannte Dienstwagenprivileg (3,1 Mrd.), die Mehrwertsteuerbefreiung für internationale Flüge (4 Mrd.) oder die Pendlerpauschale. Das Autofahren mit Dieselkraftstoff wird subventioniert (18 Cent pro Liter, bzw. 8,2 Mrd. Euro im Jahr).
Jüngstes Beispiel für unsinnige (wenn auch in diesem Falle nicht unweltschädliche) Subventionen: Ein Förderprogramm von bis zu 10.000 Euro für Hausbesitzer, die sich eine Solaranlage aufs Dach legen, dazu eine Ladestation für ihr E-Auto installieren (für das sie bereits eine fette Kaufprämie vom Staat kassiert haben). Hier werden besserverdienende Haushalte mit Geld zugeschüttet. Man denke nur an das Geschrei (nicht nur, aber besonders laut der FDP, das Elterngeld für Besserverdienende zu kürzen. Skandal!
Im Koalitionsvertrag hatte sich die Ampelregierung vorgenommen: „Wir wollen zusätzliche Haushaltsspielräume dadurch gewinnen, dass wir im Haushalt überflüssige, unwirksame und umwelt- und klimaschädliche Subventionen und Ausgaben abbauen.“
Jetzt wäre Gelegenheit, damit endlich Ernst zu machen.
Schon wieder Bahnstreik. Weselsky, es reicht!
Veröffentlicht: 16. November 2023 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft, Wirtschaft | Tags: Deutsche Bahn, GDL, Weselsky 4 KommentareGeht´s eigentlich noch? Der wievielte Bahnstreik in den letzten zwei Jahren ist das jetzt? Kann mal jemand diesem durchgeknallten Gewerkschaftsboss Weselsky den Stecker ziehen? Hat der vielleicht einen Oberleitungsschaden?
Die Bahn ist ja ohnehin schon in einem jämmerlichen Zustand und fährt, auch ohne bestreikt zu werden, nicht so wahnsinnig zuverlässig. Bahnreisende freuen sich inzwischen schon, wenn der Zug überhaupt kommt, wenn auch verspätet, wenn keine Störung im Betriebsablauf an der Weiterfahrt hindert, wenn die Toiletten funktionieren, die Wagenreihung mal stimmt und das Platzreservierungssystem nicht wieder ausgefallen ist.
Jetzt fordert die GDL Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich. Und lässt gleich schon mal die Muskeln spielen auf Kosten der Bahnreisenden. Alle, die heute mit der Bahn reisen wollten oder müssen, werden in Geiselhaft genommen. Das macht wirklich schlechte Laune! Zumal die Forderungen, mit Verlaub, ziemlich schlecht in die Zeit passen. Die Lokführerinnen und Lokführer gehören nicht zu den Schlechtverdienern bei der Bahn. Hier könnte Verkehrtminister Wissing mal was Richtiges tun und den Streik verbieten.
Und noch etwas muss ich bei dieser Gelegenheit loswerden: Nicht nur der Antisympathieträger Weselsky geht uns gehörig auf die Nerven. Die GDL nennt sich offiziell „Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer“. Demnach sitzen in den Loks der Deutschen Bahn nur Deutsche? Und keine Frauen? Mit Führern haben wir in Deutschland keine so guten Erfahrungen.
Daher meine Empfehlung: Umtaufen der GDL in „Gewerkschaft Dummdreister Lohntreiber“, Weselsky im ICE-Klo einsperren und alle LokführerInnen mit Migrationshintergrund kriegen 1.000 Euro mehr im Monat!
PS: Dieser Blogbeitrag wurde in Bahnschrift Light verfasst. So viel Solidarität muss sein …
Asyl- und Migrationsdebatte: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?
Veröffentlicht: 9. November 2023 Abgelegt unter: Flüchtlinge, Gesellschaft, Innenpolitik, Internationale Politik | Tags: Asyl, Migration 3 KommentareEs ist erschreckend, wie sich derzeit Vertreter/innen nahezu aller Parteien überbieten mit Vorschlägen, wie man angeblich den Zuzug von Asylbewerbern und Migranten begrenzen könne: Leistungen kürzen, Bezahlkarte einführen, Bürgergeld erst nach 36 statt nach 18 Monaten, schärfere Kontrollen an den Grenzen, Liste der sicheren Herkunftsstaaten erweitern, Asylverfahren in Drittländer auslagern, Abschiebungen im großen Stil (Scholz). Je schriller, desto besser. Weder Recht und Gesetz (Asylrecht, Genfer Flüchtlingskonvention, Menschenrechte) noch Fakten scheinen die Marktschreier des Überbietungswettbewerbs zu interessieren. Die AfD lässt grüßen!
Angst und Panik schüren scheinen den Ton der politischen Debatte zu bestimmen. Man fürchtet, dass die Stimmung im Land kippt. Mit restriktiven Maßnahmen soll der Zuzug von Flüchtlingen gesenkt, Abschiebungen sollen verstärkt werden. Dabei ist es höchst fraglich, ob mit den diskutierten Maßnahmen die erhoffte Wirkung, nämlich eine deutliche Reduzierung der Flüchtlingszahlen, wirklich erreicht wird.
Es soll hier nicht einem unkontrollierten und unbegrenzten Zuzug a la „no borders“ das Wort geredet werden. Aber etwas mehr Sachlichkeit und weniger Populismus würde der Diskussion guttun. Denn: Im Umgang mit Flucht und Migration gibt es nun mal keine einfachen Lösungen! Ein Blick auf die Fakten kann das verdeutlichen.
Flucht und Migration weltweit
Mindestens 108,4 Millionen Menschen auf der ganzen Welt waren Ende 2022 gezwungen, aus ihrer Heimat zu fliehen. Davon waren 35,3 Millionen Flüchtlinge im Sinne der Genfer Konvention, also Menschen, die eine internationale Grenze überquert haben. Sie suchen überwiegend Schutz in angrenzenden Nachbarländern. Ein noch größerer Teil – 62,5 Millionen Menschen oder 58 Prozent – waren innerhalb ihrer Heimatländer aufgrund von Konflikten und Gewalt auf der Flucht.
Wie viele Flüchtlinge kommen nach Europa?
Von den 35,3 Millionen Flüchtlingen weltweit kommen die wenigsten nach Europa und nach Deutschland. Allerdings sind die Zahlen 2023 ansteigend. So stellten im ersten Halbjahr 2023 in der EU 519.000 Menschen einen Antrag auf Asyl, ein Anstieg von 28 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Darüber hinaus genießen aktuell rund vier Millionen Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine, die wegen einer Sonderregel kein Asyl beantragen müssen, vorübergehenden Schutz, die meisten von ihnen kamen 2022. Im Gesamtjahr 2022 suchten rund 966.000 Menschen Asyl in der EU, der höchste Wert seit 2016.
Zur Einordnung: Nach Angaben der EU-Kommission lag 2022 der Anteil der Flüchtlinge an der Gesamtbevölkerung bei 1,5 Prozent.
Asylsuchende in Deutschland
In Deutschland wurden im ersten Halbjahr 2023 die meisten Asylanträge gestellt: Es waren 30 Prozent aller Anträge innerhalb der EU – und damit fast doppelt so viel wie in den nächstplatzierten Staaten Spanien (17 Prozent) und Frankreich (16 Prozent). Dahinter rangierte Österreich, dann Italien.
Im Vergleich zu Bevölkerungszahl sieht es aber anders aus: Während in der Bundesrepublik im Jahr 2022 auf 10.000 Einwohner 29 Anträge kamen, lag das Verhältnis in acht EU-Staaten teils weit darüber: etwa in Zypern (241) und Österreich (123).
Ende 2022 lebten etwa 3,1 Millionen Schutzsuchende in Deutschland, wobei der Großteil (2,25 Millionen) über einen anerkannten Schutzstatus verfügte. Die Gesamtzahl stieg gegenüber dem Vorjahr um 1,14 Millionen Personen, was den höchsten Zuwachs innerhalb eines Berichtsjahres seit Beginn der Statistik 2007 darstellt. Zurückzuführen ist das vor allem auf den russischen Angriffskrieg, weswegen 2022 rund 1,01 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer Schutz in Deutschland suchten.
Laut Ausländerzentralregister waren Ende 2022 insgesamt 304.308 Menschen in Deutschland ausreisepflichtig, davon 248.145 mit einer Duldung.
Irreguläre Migration
Zwischen Januar und Ende August sind laut Bundespolizei mehr als 70.000 Menschen unerlaubt nach Deutschland eingereist. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es knapp 45.000.
Unerlaubt oder auch irregulär heißt, dass Menschen ohne Aufenthaltsrecht oder Duldung und ohne Kenntnis der Ausländerbehörden nach Deutschland kommen. Sowohl die unerlaubte Einreise als auch ein unerlaubter Aufenthalt sind grundsätzlich strafbar. Bei Asylsuchenden wird das Verfahren jedoch ausgesetzt, bis das Asylverfahren abgeschlossen ist. Bei einer positiven Entscheidung wird es eingestellt.
Verstärkt kam es zuletzt zu unerlaubten Einreisen über Tschechien und Polen. Über Osteuropa verläuft vor allem die Westbalkan-Fluchtroute. Dort wurden im Jahr 2022 den EU-Grenzschützern von Frontex 145.600 irreguläre Grenzübertritte gemeldet, 136 Prozent mehr als 2021.
Risiko Flucht
Menschen, die auf irregulärem Weg nach Europa zu gelangen versuchen, gehen ein hohes Risiko ein. Zudem zahlen sie hohe Geldbeträge an Schleuser. Das erste Quartal 2023 war das tödlichste seit 2017, und bis zum 2. Oktober wurden allein in diesem Jahr im zentralen Mittelmeer 2.517 Menschen als tot oder vermisst gemeldet.
Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht aus aller Welt von Tragödien und dramatischen Zwischenfällen berichtet wird, sei es auf See oder auf Landwegen. Sie sind zu einer erschreckenden Normalität geworden. Diese Tragödien sind vermeidbar und die notwendige Reaktion kann nicht länger aufgeschoben werden. Die Rettung von Menschenleben ist keine Option. Sie ist eine rechtliche Verpflichtung. Sie ist ein moralischer Imperativ.
Fluchtursachen bekämpfen?
Wenn das so leicht wäre! Die Vorstellung, man müsse nur die Fluchtursachen konsequenter bekämpfen, dann würden weniger Menschen fliehen, ist naiv. Fluchtbewegungen hängen nun mal vor allem von Faktoren ab, die wir wenig oder gar nicht beeinflussen können. Menschen fliehen aus ihrer Heimat vor Krieg, Naturkatastrophen, Verfolgung und Vertreibung. Aber eben auch vor Armut und Hunger. Wir vergessen gerne, dass auch aus Europa im 19. Jahrhundert Menschen aufgrund von Hungersnöten auswanderten. Das enorme Wohlstandsgefälle zwischen armen und reichen Ländern – in großen Teilen Ergebnis von 500 Jahren Kolonialismus, Imperialismus und Kapitalismus – ist eine der Hauptursachen für die weltweite Migration. Ehrlicherweise müssten wir uns eingestehen, dass die Wirtschaftsweise der Industrieländer mit hohem Ressourcenverbrauch zu dem wirtschaftlichen Ungleichgewicht in der Welt maßgeblich beiträgt. Gleiches gilt für die Verschärfung der Klimakatastrophe, an der wir erheblichen Anteil haben und die dazu beitragen wird, noch viel mehr Menschen aus den besonders betroffenen Ländern in die Flucht zu treiben.
Das Märchen vom Magnet Sozialstaat
Besonders beliebt ist in der Politik, aber auch an den deutschen Stammtischen, die These, dass die Zahlungen für Asylbewerber als Migrationsmagnet wirken. Ein Anreiz, den man abschalten müsse. Wissenschaftlich ist diese These nicht belegt. Asylbewerber bekommen in Deutschland in der Regel 410 Euro (für Alleinstehende); wenn sie in Erstaufnahmeeinrichtungen leben, noch weniger. Nach 18 Monaten haben Flüchtlinge Anspruch auf Bürgergeld, das wären dann 502 Euro. Glaubt wirklich jemand ernsthaft, dass, wenn man diese Leistungen reduziert, weniger Flüchtlinge kommen? Abgesehen davon, dass eine Absenkung der Leistungen verfassungswidrig wäre. Noch abstruser ist die Behauptung, Flüchtlinge würden in großem Umfang Geld in ihre Heimatländer überweisen. Von 410 Euro? Echt jetzt? Um das zu verhindern, will die Bundesregierung Bargeldzahlungen durch Gutscheine oder ein Bezahlkarte ersetzen. Mehr Bürokratie mit null Effekt.
Asylrecht muss geschützt werden
Manche Beiträge in der aktuellen Diskussion zielen auf eine Einschränkung oder gar Abschaffung des Asylrechts. In Deutschland ist das Recht auf Asyl im Grundgesetz verankert: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“, heißt es in Artikel 16a. Es ist das einzige Grundrecht, das nur Ausländerinnen und Ausländern zusteht. Tatsächlich aber erhalten die meisten Schutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention oder einen eingeschränkten (subsidiären) Schutz. Das gilt für Menschen, denen in der Heimat etwa Folter, Todesstrafe oder willkürliche Gewalt in einem bewaffneten Konflikt drohen.
Kommunen sind überfordert
Es stimmt: Die Situation in vielen Kommunen ist schwierig. Dort, also ganz praktisch vor Ort, müssen die Herausforderungen bewältigt werden, die sich aus Zuwanderung, aber auch durch Fachkräftemangel, Wohnungsnot, Bildungs- und Pflegenotstand ergeben. Inflation, Klima- und Energiekrise verschärfen die Problematik. Aber: Je mehr Abschottung und Angst den Geist der Gesetze prägen, desto weniger „integrationsfähig“ ist die Aufnahmegesellschaft.
Fazit: „Das Spiel mit der Angst behindert eine sachliche Diskussion“,
das sagt Andrea Schlenker vom Deutschen Caritasverband. „Wäre das Spiel mit der Angst nicht so laut, könnten wir über die Herausforderungen sachlich reden, nachhaltige Lösungen suchen, welche die Schwächsten schützen und Verantwortung nicht an nationalen Grenzen enden lassen“, sagt sie. „Wir würden auch feststellen, dass wir von Vielfalt und Zuwanderung profitieren, ja, darauf angewiesen sind. Wenn wir gemeinsam – Eingewanderte wie Menschen, die schon länger in Deutschland leben – Verantwortung für unser Gemeinwesen übernehmen und ins Gespräch kommen, wird deutlich, wie sehr wir einander brauchen“.
