Letzte Generation: Lasst uns Klartext reden!

Hallo Samuel, Tim und Lotta, Melanie, Leo, Hennig und die vielen, vielen anderen Engagierten der „Letzten Generation“: Ihr wollt Klartext reden. So steht es auf Eurer Website.

Ich bin auf Eurer Seite

Eines vorweg, damit wir uns nicht missverstehen: Ich bin auf Eurer Seite, was Eure Sorgen um den Zustand der Welt anbetrifft und die dramatische Entwicklung, die uns droht, wenn wir dem fossilen Wahnsinn, wie Ihr ihn nennt, nicht schnellstmöglich ein Ende setzen. Auf meinem Blog werdet Ihr genügend Beispiele dafür finden, wie sehr mich dieses Thema umtreibt. Ich habe letztes Jahr am 12. November für Euch Partei ergriffen, als man Euch mit der RAF verglich und wie Terroristen behandelte („Klimaproteste der Last Generation: Wer ist hier eigentlich kriminell?“ )

Das heißt allerdings nicht, dass ich nicht auch skeptisch bin. Ich werde nicht am Straßenrand stehen und Beifall klatschen, wenn Ihr eine Eurer Blockadeaktionen macht. Und ich muss sehr aufpassen, dass ich Euch nicht mit Häme und Spott überziehe und mich einfach nur über Euch lustig mache. Das habt Ihr nicht verdient.

Ihr seid (noch) nicht die letzte Generation

Ich schreibe Euch als jemand, der zur vorletzten, genaugenommen sogar zur vorvorletzten Generation gehört (ich bin 75 Jahre alt, meine Kinder sind Mitte vierzig, meine Enkel 21 und 15). Die meisten Aktivisten von Euch sind vermutlich so in den Zwanzigern – „Twens“ hieß das in meiner Jugendzeit. Es ist allerdings überhaupt noch nicht ausgemacht, ob Ihr wirklich die letzte Generation seid. Auch wenn sich die Lebensgrundlagen für die Mehrheit der Menschen auf diesem Globus dramatisch und rasant verschlechtern: Dass menschliche Überleben auf der Erde wird, so sieht es jedenfalls aus, eher langsam zu Ende gehen. Dass wir uns auf einen Abgrund zubewegen, diese düstere Prognose teile ich mit Euch. Friedrich Dürrenmatt hat in seiner Kurzgeschichte „Der Tunnel“ schon vor 70 Jahren so eine Katastrophenszenario beschrieben. Ich werde das Ende nicht mehr erleben, und Ihr vermutlich auch nicht.

Es ist noch nicht zu spät

Es ist fünf vor zwölf, aber noch nicht zu spät. Davon seid Ihr ja auch überzeugt. Und es ist unbestritten, dass das Zeitfenster, das uns bleibt, um die Katastrophe abzuwenden, nicht mehr groß ist. Die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wissen, was getan werden müsste. Die Erkenntnisse über den Klimawandel liegen auf dem Tisch, der IPCC hat in seinem jüngsten Bericht aufgezeigt, wo wir aktuell stehen.

Soziale Ungleichheit auch in der Apokalypse

Was wirklich schlimm ist: Die ersten Leidtragenden werden die Armen sein, die nicht die Mittel und Möglichkeiten haben, sich gegen die Klimaveränderungen zu schützen. Klimaanpassung und die Entwicklung von Resilienz muss man sich leisten können. Die Reichen und Mächtigen werden sich in ihre klimatisierten Trutzburgen zurückziehen und bis zum endgültigen Kollaps des Globus die Champagnerkorken knallen lassen. Ihre Bodyguards werden jeden mit Waffengewalt daran hindern, einzudringen. Weitere apokalyptische Szenarien überlasse ich Eurer und meiner Phantasie.

Liebe Klimaaktivisten, ab jetzt müsst Ihr tapfer sein. Ihr wolltet ja Klartext reden.

Ich habe mich ein bisschen auf Eurer Website umgesehen und mir Euren Vortrag angehört. 46 Minuten, puuh. Vieles davon ist redundant, Ihr argumentiert mit ständigen Wiederholungen, die Ihr Euch sparen könntet („Wir sind der Überlebenswille der Gesellschaft“, „Schon bald wird es zu spät sein und die Gesellschaft verschließt die Augen“, „keine Zeit mehr um kleine Maßnahmen zu machen“. Und dann, wenn es um konkrete Forderungen geht (auf die man in Euren Vorträgen lange warten muss) wollt Ihr Tempolimit 100 auf Autobahnen und ein bundesweites 9-Euro-Ticket. Echt jetzt? Mehr fällt Euch an konkreten Forderungen nicht ein?

Eure Erfolge messt Ihr an der medialen Aufmerksamkeit, an den Blockaden, an der Zahl der Festnahmen (Wir suchen Menschen, die bereit sind, sich festnehmen zu lassen …). Was ist denn für das Klima erreicht, wenn viele von Euch festgenommen werden?

Ich weiß nicht, welche Adressaten Ihr bei Euren Beiträgen auf der Website vor Eurem geistigen Auge habt. Mich offenbar nicht. Es gibt ein paar Sachen, die in Eurer Selbstdarstellung extrem nerven. Dazu gehört diese moralische und oberlehrerhafte Attitüde „Was tut ihr?“ Ihr glaubt offenbar, dass alleine Ihr etwas tut. Am Anfang erklärt Ihr uns die Klimakatastrophe und legt uns nahe, uns damit emotional zu verbinden. „Was Ihr verstehen müsst, wir reden hier über….“ Wieso geht Ihr davon aus, dass Ihr uns (mir) das Ausmaß der Katastrophe erklären müsst?

Zu den Dingen, die nerven, gehören Eure Eitelkeit, Euer Hang zur Selbstglorifizierung und zum Märtyrertum (Ihr vergleicht Euch mit der Bürgerrechtsbewegung in den USA!), und Eure Humorlosigkeit. Ok, das Thema ist verdammt ernst. Über den Klimawandel selbst kann man kaum Witze machen. Über Euch aber schon. Ich vermisse eine gewisse Fröhlichkeit, Witz, Frechheit, lustige Provokation usw. in Euren Aktionen.

Also: Macht Euch einfach mal locker!


Wenn alles teurer wird: Wie werde ich meinen Hund los?

Hunde, wollt ihr ewig leben? Damit soll nicht an den alten Kriegsfilm von Frank Wisbar nach dem Roman von Fritz Wöss erinnert werden (wer Kriegsfilme schauen will, muss nur den Fernseher anmachen), sondern an die Tatsache, dass die Haltung eines Hundes nicht nur Vergnügen bereitet. Allein der Aufwand und die Kosten! Das Tier braucht Futter, tierärzliche Versorgung, Haftpflichtversicherung, Zuwendung und Kontrolle beim Umgang mit Artgenoss*innen. Es verursacht Verunreinigungen auf Wegen, Straßen und Wiesen. Es hat nicht gelernt, auf eigens dafür ausgewiesenen Stellen zu defäkieren. Mit der Folge, dass der Halter/die Halterin die Hinterlassenschaft in einem Hundekotbeutel aufsammeln muss, was bei fester Konsistenz noch „handhabbar“ ist, aber …. Und dann: Wohin mit der Scheiße? Nicht überall haben die Kommunen Dogstations angebracht, wo die Stinketüten entsorgt werden können. Eine vorübergehende Deponierung in der Hosentasche kann zu peinlichen gesellschaftlichen Komplikationen führen, wenn statt des Taschentuchs zum Schweißabwischen ein Hundekotbeutel zum Vorschein kommt. Auch die unkonventionelle Entsorgung des Hundekots, wie sie der Hanoveraner Ballettdirektor Marco Goecke praktiziert hat, kann nicht allgemein empfohlen werden. Der hatte, wir erinnern uns mit wohligem Schaudern, seiner Kritikerin Wiebke Hüster von der FAZ den mitgeführten Dackelkot ins Gesicht geschmiert und damit offenbar sagen wollen, wie sehr ihm deren Kritik stinkt.

Zu den unerfreulichen Begleiterscheinungen der Hundehaltung gehört auch die Hundesteuer. Niemand kann so recht erklären, warum die Kommunen Steuern für Hunde erheben, nicht aber für Katzen, Einhörner, Schlangen, Pferde oder Papageien. In meiner Wohngemeinde wurde die Hundesteuer nun erhöht. Für Menschen, die wenig Geld haben, könnte dies zum Entschluss führen, nicht nur den Hundekot, sondern gleich den ganzen Hund zu entsorgen:

Aber auch das ist, wie dieses Schild unmissverständlich deutlich macht, nicht überall erlaubt. Mein Tipp: Das Tier an einer Autobahnraststätte aussetzen. Das funktioniert nicht nur mit lästig gewordenen Ehefrauen. Manche Hunde (und Frauen) sind allerdings in der Lage, über Hunderte von Kilometern den Weg zurück ins heimische Nest zu finden. Wer also auf Nummer sicher gehen will, muss wohl doch eine drastischere Methode wählen. Welche? Google weiß sicher Rat.


Heiterkeit im Angesicht von Terror, Gewalt und Zerstörung?

Soll man, ja darf man in diesen Zeiten heiter sein? Axel Hacke hat ein Buch über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten geschrieben. Ein Auszug daraus ist in der ZEIT erschienen. Nett zu lesen, amüsant, aber auch ernst und zum Nachdenken anregend. Ich lese die Texte von Hacke, der eine gute Schreibe hat, meistens gern. Und was die Heiterkeit anbetrifft: Schon klar, dass man damit besser durch den Alltag kommt als mit Verbissenheit, Ärger, Zorn, Neid, Eifersucht, und was einen sonst noch an unguten Gefühlen und Gedanken beherrscht. Besonders vor schwierigen Gesprächen oder Sitzungen wie etwa im Gemeinderat, dem ich seit vielen Jahren angehöre, habe ich mir Heiterkeit und Gelassenheit – sozusagen „HeiGel“ – verordnet. Nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Leider gibt es HeiGel noch nicht rezeptfrei, es sei denn, man greift ersatzweise auf Alkohol, Cannabis oder Kokain zurück.

Mehr Heiterkeit in schwierigen Zeiten, oder „das Schwere leicht gesagt“, wie es der von mir geschätzte, verstorbene Kabarettist Hanns Dieter Hüsch in einem kleinen Büchlein schrieb. Wie aber heiter und gelassen bleiben angesichts der Ereignisse dieser Tage? Die entsetzliche Brutalität des Terrors der Hamas und die gnadenlose Reaktion Israels mit bisher 3.000 Toten auf beiden Seiten, ohne dass ein Ende der Gewalt absehbar ist, lässt einen sprachlos zurück. Historische Vergleiche sind meistens unpassend, und doch fallen einem der nationalsozialistische Holocaust, die Grausamkeiten im Vietnamkrieg, das Massaker von Screbreniza, die Terroranschläge vom 11. September 2001, der Angriffskrieg gegen die Ukraine ein. Es gibt Erklärungen für diese kollektiven Gewaltausbrüche, aber keine Rechtfertigungen. Hass, Rache, Vergeltung scheinen die vorherrschenden Gefühle der Akteure zu sein. Keine Spur von Heiterkeit, Gelassenheit oder gar Toleranz und Vergebung – das wären die Voraussetzungen, um Frieden zu schaffen und die Gewalt zu beenden. Kann man aber einer palästinensischen Familie, die unter der Besatzung Israels leidet, empfehlen, diese mit Gelassenheit und Heiterkeit zu ertragen? Oder der Mutter im Iran, deren Sohn/Tochter wegen Kritik am Mullahregime hingerichtet wird? Oder den Familien in der Ukraine, die ständig von Artilleriebeschuss bedroht sind und deren Kinder in Luftschutzkellern zur Schule gehen?

Hoffen auf Frieden, hoffen auf Einsicht, hoffen auf Toleranz, hoffen auf Vernunft: Wie geht das im Blick auf diese Meldungen aus den letzten Wochen (kein Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Klimafachleute zeichnen beim 13. Extremwetterkongress in Hamburg ein düsteres Bild für die Zukunft. Das 1,5-Prozent-Ziel von Paris ist gescheitert. Der Klimawandel setzt sich weitgehend ungebremst fort. Auf der Erde seien nicht mehr abwendbare massive Folgen zu erwarten.
  • Die Zahl der Streubombenopfer hat einen Höchststand erreicht. Die meisten Opfer gab es in der Ukraine.
  • In Deutschland landen 18 Millionen Tonnen Lebensmittel in der Tonne.
  • In Afrika nimmt die klimabedingte Hungersnot zu.
  • Russland verweigert ein neues Getreideabkommen.
  • Das Artensterben geht weiter. Weltweit gefährden invasive Arten heimische Tiere und Pflanzen, warnt der Biodiversitätsrat. Die Krise verschärfe sich.
  • In Deutschland werden immer mehr und immer größere Autos gebaut und verkauft.
  • Saudische Grenzschützer erschießen Hunderte Migranten an der jemenitischen Grenze.
  • Steigende Zustimmungswerte für die AfD.
  • Im Mittelmeer sinkt das Flüchtlingsschiff Adriana mit rund 750 Menschen an Bord. Nur wenige überleben.

Ich bleibe ratlos zurück. Vielleicht ist, wenn schon nicht Heiterkeit, dann Melancholie und Traurigkeit das angemessene Gefühl für diese Tage.


Neues Heizungsgesetz beschlossen. Aber wann kommt das Klimaanlagengesetz?

Nun ist es also beschlossen. Das Heizungsgesetz. Genauer: Das Gebäude-Energiegesetz (GEG). Horrorszenarien wurden im Vorfeld an die Wand gemalt. „Es ist ein Angriff auf das Eigentum der Menschen“, so tönte zum Beispiel der FDP-Abgeordnete Frank Schäffler. Ähnlichen Bullshit verbreiteten mit viel Schaum vor dem Mund neben der FDP die Bildzeitung, der Haus- und Grundbesitzerverband, die AfD, die Querdenker und, wen wunderts, Hubert Aiwanger. Thorsten Frei, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU, der sich offenbar jeden Morgen die Haare in der Friteuse wäscht, meinte, das Gesetz gehe „völlig an der Realität der Menschen vorbei.“

Und, haltet Euch fest, Leute: Der Mann hat recht. Unfreiwillig. Denn statt Heizungen, die mit Erneuerbaren Energien betrieben werden, sollten sich die Deutschen dringend um den Austausch ihrer Heizung durch eine Klimaanlage bemühen. Es wird nämlich immer wärmer. Jetzt, Ende September, wo die Menschen normalerweise ihre Heizung anschmeißen, haben wir immer noch Temperaturen um die 30 Grad. Der Monat September ist der wärmste seit Beginn der Messungen. Gerade haben Klimafachleute beim 13. Extremwetterkongress in Hamburg ein düsteres Bild für die Zukunft gezeichnet. „Die Chance sei verpasst, mit relativ wenig Aufwand das Klimasystem zu stabilisieren, hieß es am Mittwoch zum Auftakt der dreitägigen Tagung in einer Mitteilung. Der Klimawandel werde nun in großen Teilen ungebremst erfolgen. Nicht mehr abwendbare massive Veränderungen seien auf der Erde zu erwarten.“ (Badische Zeitung vom 28.09.2023). 2045 also, wenn es keine Heizungen mehr geben soll, die mit fossilen Brennstoffen betrieben werden, könnte es sein, dass wir gar keine Heizungen mehr brauchen. Eher Kühlgeräte.


Leberkäspflicht statt Asylrecht: So begrenzen wir die Zuwanderung

Derzeit kursieren viele originelle Vorschläge, wie wir die unkontrollierte Zuwanderung in unsere Sozialsysteme begrenzen könnten. Die europäische Agentur Frontex zum Beispiel, die für ihren sensiblen Umgang mit Flüchtlingen bekannt ist (illegale pushbacks, hihi), soll die Flüchtlinge schon auf dem Meer abfangen und am Betreten des europäischen Festlands hindern. Wenn´s denn sein muss, mit Schusswaffengebrauch, gell, Frau Beatrix von Strolch?

Was aber, wenn sie schon mal da sind, die Flüchtlinge? Dann muss man sie, Menschenrechte hin oder her, so behandeln, dass ihnen die Lust vergeht, hierzubleiben. Die bayerische FDP und der Söder Markus von der CSU haben nun fast zeitgleich (Wahlkampf in Bayern!) vorgeschlagen, die Flüchtlinge mit einer Chipkarte statt mit Bargeld auszustatten. Damit sollen sie Lebensmittel wie Leberkäs, Maggi Würzpaste und Weißwürste einkaufen können, aber keinen Alkohol. Denn mit den bar ausgezahlten Asylbewerberleistungen, so hört man aus stets gut unterrichteten Kreisen, kaufen sich die Flüchtlinge dicke Autos und Drogen, essen jeden Tag Kaviar und überweisen den Rest an ihre Großfamilie in Quagadougou. Was mit der Chipkarte endlich mal unterbunden würde.

Das ist aber sicher noch zu toppen, liebe bayerische CSU/FDP/AfDler, gell? Was haltet ihr von dem Vorschlag, um ganz Bayern einen Zaun zu ziehen, vollgehängt mit Leberkäs-Semmeln und Weißwürsten, sozusagen als Abschreckung? Alle, die ihren Ekel überwinden und trotzdem über den Zaun klettern, könnte man zwangsverpflichten, drei Tage das Oktoberfest zu besuchen, im Fernsehen Musikantenstadl und alle Eberhofer-Krimis anzuschauen und mindestens einmal mit Hubert Aiwanger und Markus Söder zum Weißwurstwettessen anzutreten.

Wenn sich das unter den Flüchtlingen rumspricht, wollen garantiert alle lieber nach Polen mit seiner Piss-Partei. Und wir hätten endlich unsere Ruhe.


Mehr Bahn für alle? Die neue Imagekampagne der Bahn verspricht Verbesserungen

Die Deutsche Bahn hat ein schlechtes Image. Verspätungen, Zugausfälle, Baustellen, komplizierte Tarife, usw. Jetzt soll alles besser werden. Mehr Zuverlässigkeit und mehr Pünktlichkeit. Das verspricht dieser TV-Spot:

Würde Heinrich Böll noch leben, hätte man ihn vielleicht für eine neue Imagekampagne der Bahn gewinnen können. Nach dem Ende einer Dienstfahrt gefragt, wie es war, hätte er sagen können, der Zug war pünktlich. Und das waren keineswegs die Ansichten eines Clowns. Nur auf dem Bahnhof von Zimpren gab es am Servicepoint eine Art fürsorgliche Belagerung, wegen der Entfernung von der Truppe des zuständigen Mitarbeiters. Seine Vertreterin am Tresen war eine junge Kollegin, aber der Engel schwieg und sagte kein einziges Wort. Für den Abend hätte sich Böll zum Billiard um halb zehn verabredet. Seine Frau würde sagen: Du fährst zu oft nach Heidelberg, und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Worauf Böll geantwortet hätte: Die verlorene Ehre der Katharina Blum muss unbedingt wieder hergestellt werden! Und dazu muss ich pünktlich sein.

Preisfrage: Wie viele Titel von Böll-Schriften sind in diesem Text enthalten? Für die richtige Antwort verlosen wir einen 5-Euro-Gutschein für den DB-Speisewagen, falls dieser nicht zufällig geschlossen ist!


Drastische Kürzung im Bundeshaushalt bei Humanitärer Hilfe und Friedenssicherung: Geht so feministische Außenpolitik?

Die Bundesregierung muss sparen. Das verstehen wir. Diese Woche war die erste Lesung des Bundeshaushalts 2024 im Deutschen Bundestag. 445,7 Milliarden Euro an Ausgaben sind geplant. Das sind 30,6 Milliarden Euro weniger als 2023. Eingespart wird dieses Geld nicht im Verteidigungshaushalt, das hatten wir schon vermutet.

Der Haushalt des Verteidigungsministeriums wächst seit 2017 kontinuierlich, also nicht erst seit dem Ukrainekrieg. Fast zwei Milliarden mehr lässt sich Deutschland 2024 seine Verteidigung kosten, und dazu kommt noch 19,2 Milliarden aus den Sondervermögen. Dafür werden jeweils um ein Drittel die Mittel für humanitäre Hilfe und Friedenssicherung gekürzt. Beide Haushaltstitel sind beim Auswärtigen Amt angesiedelt. Hallo, Frau Baerbock: Wie war das nochmal mit der feministischen Außenpolitik? Und war nicht „Fluchtursachen bekämpfen“ mal die Forderung, um Migration zu begrenzen?

Gekürzt werden auch die Mittel für Bundesfreiwilligendienste, für das Bafög, für die Bundeszentrale für politische Bildung, für Wohngeld, für Jugend- und Familienhilfe, für das Müttergenesungswerk und lauter son Gedöns. Das alles mit Zustimmung der Ampel-Parteien SPD, Grüne, FDP. Mich hat mal wieder keiner gefragt. Ich hätte auch Sparschläge gehabt: Streichung der Subventionen für Flugbenzin, Dienstwagen, die zehn (!) Milliarden für die geplante Chip-Fabrik in Magdeburg, die blödsinnige Förderung von Hausbesitzern, die sich eine PV-Anlage und ein E-Auto kaufen …

Leute, überlegt Euch, wen Ihr nächstes Mal wählt. Bleiben ja nicht mehr viele Parteien übrig, aber bitte nicht die AfD. Oder: Redet mal mit Euren Abgeordneten und sagt ihnen, was Ihr davon haltet!

Und hier noch eine Protestaktion gegen die geplanten Kürzungen, veranstaltet von Friedensgruppen vor dem Deutschen Bundestag:


Kimmt er oder kimmt er net? Beobachtungen aus dem Gemeinderat

Bald sind in Baden-Württemberg wieder Kommunalwahlen. Ich werbe in meinem Freundes- und Bekanntenkreis sehr dafür, für den Gemeinderat in unserem Dorf zu kandidieren. Die meisten wehren ab: Keine Zeit, das traue ich mir nicht zu, ich kann nicht gut reden, man wird kritisiert oder sogar angefeindet, usw. Dazu sage ich: Ja, es kostet Zeit, ja, man muss mit Kritik rechnen. Es ist, wenn man so will, ein undankbares Amt. Drei Amtsperioden haben bei mir ihre Spuren hinterlassen.

Aber: Gegen Politikverdrossenheit und Resignation hilft am ehesten, wenn man selbst aktiv wird. Und tatsächlich wird auf der lokalen Ebene Demokratie ganz konkret und handfest erlebbar. Richtig große Politik wird bei uns im Dorf (1.500 EinwohnerInnen) nicht gemacht. Es geht eher um so Sachen wie klappernde Gullideckel, ob die Gaube im Neubau etwas größer als erlaubt sein darf und ob der Schützenverein einen Zuschuss aus dem Gemeindesäckel für die neue Schießanlage kriegen soll. Die Kita kostet uns den halben Jahresetat, der Rest geht drauf für den Unterhalt der Infrastruktur (Straßen, Wege, Beleuchtung, Friedhof, Wasser, usw.). Für Klima-, Natur- und Umweltschutz müssten wir eigentlich viel mehr tun, haben dafür aber kein Geld. Trotzdem wird hier und da ein Bäumchen gepflanzt, eine Photovoltaikanlage auf dem Vereinshaus installiert, eine verkehrsberuhigte Zone eingerichtet.

Ich meine das nicht abwertend. Die Entscheidung, wie und wo die Flüchtlinge im Dorf untergebracht werden, ob die Windkraft auf unserer Gemarkung ausgebaut werden soll, ob im neuen Baugebiet ein Wärmenetz statt individueller Heizungslösungen geplant wird – das alles sind keine Kleinigkeiten. Auch wenn die Gegenstände, um die wir streiten, oft eher belanglos und kleinkariert sind: Wir lernen, mit sachlich fundierten Argumenten um gute Lösungen zu streiten und widerstreitende Interessen zu einem hoffentlich guten Kompromiss zusammenzuführen. Was richtig oder falsch ist, dazu gibt es nicht immer eine eindeutige Antwort. Manchmal stellt sich erst einige Jahre später heraus, ob wir richtig entschieden haben.

Wir bemühen uns, mit Geduld und Verstand die Dinge zu prüfen und zu beurteilen, die uns zur Entscheidung vorgelegt werden.  Neben Geduld und Sachverstand gehört auch Mut zu den notwendigen Eigenschaften von Gemeinderätinnen und Gemeinderäten. Mut deshalb, weil man gelegentlich auch unpopuläre Entscheidungen treffen muss, für die man Kritik einstecken muss, oder auch Mut, etwas grundsätzlich zu hinterfragen, was einem als alternativlos verkauft wird.

Der Philosoph Kant hat 1784 das lateinische „Sapere aude“ zum Wahlspruch der Aufklärung gemacht und es so übersetzt: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ – dieser Leitgedanke ist auch eine brauchbare Maxime für die Gemeinderatsarbeit. Und auch aus dem berühmten Vortrag von Max Weber von 1919 lässt sich heute noch etwas lernen: dass nämlich, wer Politik macht, seine Eitelkeit überwinden muss, seine hochfliegenden Pläne zur Rettung der Menschheit mit Abstand betrachten und Enttäuschungen wegstecken können muss.

Manche Debatten im Gemeinderat waren, so meine persönliche Erfahrung, nur mit einer Portion Heiterkeit und Gelassenheit zu ertragen (was mir und meinem Temperament nicht immer gelungen ist).

Gerhard Polt hat auf seine unnachahmliche Weise aus dem Gemeinderat geplaudert („Kimmt er oder kimmt er net“). Das trifft natürlich nur auf Gemeinderäte in Bayern zu, oder?


Die verlorene Ehre des Hubert Aiwanger: „Seit dem Erwachsenenalter ein Menschenfreund“

Es ist doch immer wieder erstaunlich, wieviel Blödheit in ein einziges kurzes Statement passt. Gestern nun hat sich Hubert Aiwanger zu den gegen ihn gerichteten Vorwürfen so geäußert: „Es ist auf alle Fälle so, dass in der Jugendzeit das ein oder andere so oder so interpretiert werden kann, was als 15-jähriger mir vorgeworfen wird. Aber auf alle Fälle sage ich: Seit dem Erwachsenenalter, die letzten Jahrzehnte: Kein Antisemit, kein Extremist – sondern ein Menschenfreund“, so Aiwanger. Dass über seine Jugendzeit diskutiert werde, wundere ihn.

Das, worüber sich Herr Aiwanger wundert, und was „so oder so interpretiert werden kann“ liest sich so (oder wie könnte man es noch interpretieren?)

Wenn das Datum 1.1.88 auf dem Flugblatt stimmt, dann war Aiwanger zu diesem Zeitpunkt nicht fünfzehn, sondern fast siebzehn Jahre alt (Geburtsdatum 26.01.1971) und demnach kurz vor dem Eintritt ins Erwachsenenalter und der dann erfolgten wundersamen Mutation zum Menschenfreund.

Sein Bruder Helmut, der Waffenhändler, hat im Zusammenhang mit dem Flugblattskandal an Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ erinnert (alle unter 50jährigen bitte googeln).

Hallo Hubert und Helmut Aiwanger, Freie Wähler, Markus Söder: Wie lange wollt Ihr uns eigentlich noch für blöd verkaufen????


Neues aus der Schulranzenforschung: Wie das KZ-Flugblatt in Aiwangers Ranzen geriet

Der Aiwanger Hubert ist ein Meister des geschliffenen Wortes. Das hat er kürzlich bei seiner Rede in Erding unter Beweis gestellt, wo er gegen die Heizungsideologie und für die freie Schweinsbratenwahl der Deutschen kämpfte und meinte, unsere Jugend „muaß Haiser baun, muaß Kindr kriagn, anstatt sich auf die Straße zu kleben“. Nicht ganz geglückt war sein Aufruf, „die schweigende große Mehrheit dieses Landes müsse sich die Demokratie wieder zurückholen“. Das war irgendwie blöd, aber so isser halt, der Hubsi. Die ganze Rede findet Ihr hier.

Jetzt hat er schon wieder Ärger, der Hubert. Ein antisemitisches Flugblatt fand auf unerklärliche, wundersame Weise den Weg in seinen Schulranzen. To be honest: Kennen wir das nicht alle aus unserer Schulzeit? Dinge, die plötzlich in unserem Ranzen rumliegen. Eine verschimmelte Apfelsine, eine ranzige Stulle, ein versifftes Sporttrickot – unerwartet finden wir in den Tiefen unseres Schulranzens längst vergessene Utensilien, und wir erinnern uns nicht, wie sie den Weg dorthin fanden. So geschah es auch dieser Tage Hubert Aiwanger, Minister für derbe Biertischreden und Bayerns Vize-Ministerpräsident.  In seinem Falle geht es um ein Flugblatt. Darin durfte man sich zu einem Vorstellungsgespräch im Konzentrationslager Dachau bewerben und einen Freiflug durch den Schornstein in Auschwitz oder einen kostenlosen Genickschuss gewinnen. Jetzt regt sich die ganze Nation wieder auf. Dabei hat der Hubert, jo mai, doch nur einen Spaß gemacht!

Außerdem war er es nicht selbst, sondern sein Bruder. Der heißt Helmut, hat ein Waffengeschäft, lange Haare und dreht sich seine Zigaretten selbst. Was bitte soll daran falsch sein? Er, also der Bruder, hat das Flugblatt nur verfasst, weil er sauer war. Das verstehen wir. Und der Hubert, der hatte die Flugblätter in seinem Ranzen, weil er sie aus dem Verkehr ziehen wollte, also quasi ein zivilcouragierter Widerstandskämpfer gegen judenfeindliche und nazifreundliche Hetzschriften. Das glauben wir jetzt aber mal ganz, ganz feste.