Merz, Scholz, Weidel, Wagenknecht, Habeck: Wer kann Kanzler/in?

Um gleich zur Sache zu kommen: Ich werbe dafür, Grün zu wählen. Jetzt bitte nicht gleich losbrüllen: Die Bedenken und Vorbehalte gegen grüne Politik und grünes Personal sind mir hinlänglich bekannt. Ich bin längst nicht mit allem einverstanden, was die Grünen in der Regierung mitverantwortet haben. Aber habt Ihr Euch mal die Wahlprogramme der anderen Parteien und deren Kandidatinnen und Kandidaten für das Kanzleramt angeschaut? Robert Habeck als Spitzenkandidat der Grünen hat zwar keine realistische Chance, Kanzler zu werden. Das Zeug dazu hätte er allemal. Warum ich ihn für geeignet halte?  Weil Markus Söder ihn für ungeeignet hält! Söder, der bekannteste Foodinfluencer der Republik und Kämpfer für freie Leberkäs- und Bratwurstwahl an allen Schulkantinen des Landes, hält sich ja ohnehin für den besten aller denkbaren Kandidaten.

Aber zurück zu Robert Habeck: Im empfehle, seine „Neujahrsansprache“ anzuhören – dauert bloß acht Minuten – und diese mit der des amtierenden Bundeskanzlers zu vergleichen. Die Rede hat ihm viel Lob, aber auch Hohn, Spott und Häme eingebracht. Ich lade dazu ein, sich selbst ein Urteil zu bilden:

Gegner von Habeck führen gerne an, dass er bloß Kinderbücher geschrieben habe und ansonsten nichts könne. Mal abgesehen davon, dass das dumpfbackige Polemik ist: Mir wäre ein Kinderbuchautor als Kanzler lieber als ein Friedrich Merz, Millionär, ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock, Spitzenreiter an Nebentätigkeiten im Bundestag, verdient jährlich eine Million Euro und hat sich – Überraschung! – gegen eine Vermögensabgabe oder Vermögenssteuer für Reiche ausgesprochen. Er hat zusammen mit anderen Abgeordneten beim Bundesverfassungsgericht gegen die Offenlegung von Nebeneinkünften geklagt. Bei seiner Bierdeckel-Steuerrechnung hat sich Merz verrechnet, und zu ukrainischen Flüchtlingen meinte er: „Wir erleben mittlerweile einen Sozialtourismus dieser Flüchtlinge: nach Deutschland, zurück in die Ukraine, nach Deutschland, zurück in die Ukraine.“ Über ausreisepflichtige Asylbewerber: „Die sitzen beim Arzt und lassen sich die Zähne neu machen, und die deutschen Bürger nebendran kriegen keine Termine“ – was erwiesenermaßen nicht nur falsch ist, sondern durchaus als Volksverhetzung bewertet werden kann.

Auch wenn Merz immer wieder wegen sprachlicher Entgleisungen von der eigenen Partei kritisiert wird: Seine ausländerfeindliche Gesinnung wird er auch als Bundeskanzler nicht ablegen. Er will „regelmäßig abschieben“, auch nach Afghanistan und Syrien. Umweltverbände wie Greenpeace und NABU hat er als Gegner von Demokratie und Marktwirtschaft beschimpft.

Friedrich Merz (CDU-Parteivorsitzender); Porträt, Einzelbild

Trotz alledem: Die nächste Regierung wird wohl von Friedrich Merz geführt werden. Moral, Menschlichkeit, Anstand und Aufrichtigkeit (Habeck) sind nicht seine Stärken. Hätten die Wählerinnen und Wähler die direkte Wahl zwischen Merz und Habeck, und stünden ihnen die objektiven Fakten zu Kompetenz, persönlichen Einstellungen und charakterlicher Eignung für das Amt des Bundeskanzlers/der Bundeskanzlerin zur Verfügung, wie würden sie dann wohl entscheiden? 


Koalitionskrach: Wer gipfelt am schönsten?

Der Koalitionsstreit in der Regierung gipfelte jüngst im Wettstreit der Gipfel. Der eine (Scholz) lud die Großindustrie zum Kaffeekränzchen ein. Habeck und Lindner mussten draußen bleiben. Lindner war beleidigt und lud seinerseits den Mittelstand ein, der bei Scholz nicht eingeladen waren.

Christian Lindners Gegenwirtschaftsgipfel

Robert Habeck hatte dadurch einen freien Tag und nutzte die Gelegenheit, einen Gipfel von Wirtschaftsexpertinnen zu veranstalten, die weder bei Scholz noch bei Lindner eingeladen waren.

Wirtschaftsgipfel von Bündnis 90 / Die Grünen

Vom Gipfel im Kanzleramt gibt es keine Fotos, aber als Ergebnis die Feststellung, dass Deutschland aktuell vor großen Herausforderung steht und dass man sich bald wieder zu einem weiteren Gipfel treffen wird. Immerhin.

Wirtschaftsgipfel im Kanzleramt; bei diesem Foto handelt es sich um ein Produkt der Künstlichen Intelligenz.

Die FDP will schon am kommenden Montag (4. November) einen weiteren Gipfel veranstalten. So jagt ein Gipfel denselben. Nein, nicht ganz: Zur FDP eingeladen sind dieses Mal auch der Bundesverband der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) und der Verband der Automobilindustrie. Ausgeladen sind wiederum Scholz und Habeck. Anders als die kriselnde Automobilindustrie, die „aktuell vor großen Herausforderungen steht“, dürfen wir beim BDSV annehmen, dass bei deren Mitgliedern das Geschäft gerade so richtig brummt. Bleibt nur noch festzustellen, dass an der Krise der  Autoindustrie die Grünen schuld sind.


Was Olaf Scholz von Taylor Swift lernen kann

Das Rennen um die Kanzlerschaft ist eröffnet. Scholz will unbedingt Kanzler bleiben, Merz will ihn aus dem Amt vertreiben. Söder hätte auch gerne gewollt, aber er „ist fein“ mit Merz. Sagt er. Für die AfD geht Alice Weidel ins Rennen. Die Grünen und die FDP haben sich noch nicht erklärt. Wenn, dann kommen wohl nur Habeck und Lindner in Frage. Wobei: Wollt ihr im Ernst eine Kanzlerkandidatur anmelden, wenn ihr gerade mal froh sein könnt, die Fünfprozenthürde zu schaffen? Sarah Wagenknecht vom BSW sagt: Wenn alle kleinen Parteien einen Kanzlerkandidaten stellen (sie gendert nicht), dann müssen wir notgedrungen auch. Dreimal darf geraten werden, wer das dann sein wird.

Wir wollen hier in den nächsten Monaten die Kandidatinnen und Kandidaten für die Kanzlerschaft unter die Lupe nehmen, ihre jeweiligen Erfolgsaussichten analysieren und Empfehlungen für einen erfolgreichen Wahlkampf geben. Den Anfang macht Olaf Scholz.

Mehr Glitzer

Was Olaf Scholz, aber auch die anderen Aspiranten von Taylor Swift lernen können: Für seine öffentlichen Auftritte wäre mehr Glitzer hilfreich. Taylor Swift ist eine Pop-Ikone mit Kultstatus. Sie ist überaus erfolgreich im Musikgeschäft, sieht gut aus, setzt sich für Frauenrechte ein, hat Millionen von Fans, die sich Swifties nennen und für ein Konzert ihres Idols um die halbe Welt reisen. Das alles kann Olaf Scholz nicht für sich in Anspruch nehmen. Sein Aussehen, sein Auftreten, seine gesanglichen Fähigkeiten, seine Fans – da gibt es doch einen deutlichen Abstand zu Swift. Die Zahl der Scholzies ist noch sehr überschaubar. Scholz muss also noch hart an seinem Kultstatus arbeiten und seine Beliebtheitswerte beim ZDF-Politbarometer oder auf dem Likeometer (www.likeometer.co in die Höhe treiben. Das fängt mit der Körperhaltung an: Warum immer die linke Hand stocksteif am mittleren Knopf des Jackets halten? Warum sich beim Staatsempfang in der Türkei nicht mal in den Schritt greifen? Erdogan würde das sofort als Zeichen der Solidarität verstehen.

Herr Ober, bitte eine Portion Führung!

Scholz muss sich unbedingt als Markenzeichen einen anderen Spruch ausdenken. „Wer bei mir Rührei bestellt, der bekommt Rührei“ reißt die Wählerschaft nicht aus dem Tiefschlaf. Donald Trump hat sein MAGA (Make America Great Again). Otto Rehagel sein „Hier kann jeder sagen, was ich will“ und Boris Pistorius sein „Wir müssen kriegstauglich werden“. Damit hat er es glatt zum beliebtesten Politiker Deutschlands geschafft. Was könnte man Scholz empfehlen? „You’ll never walk alone?“ „Man muss dafür Sorge tragen“? „Daran kann ich mich nicht mehr erinnern?“

Wie man die Jugend gewinnt

Wenn Scholz den Bundestag betritt, dann meistens mit seiner legendären, speckigen Aktentasche. Manchmal schleppt er sie auch bei offiziellen Anlässen mit sich. Was da alles so drin ist, hat er neulich mal auf TikTok zum Besten gegeben. Ob er damit mehr Anhänger unter den jugendlichen Wählern gewinnen konnte? Dafür müsste Scholz schon eher mal mit dem Skateboard in den Bundestag rauschen, mit weißen Sneakers und einem Hoodie mit „Fuck AfD“-Aufdruck bekleidet, und zu seinem Vizekanzler Habeck sagen: „Ey Digga, der Merz macht wieder voll Stress. Ich mach aber heute eher auf Lock“. Oder wäre das etwa mega cringe?

Das schlumpfige Grinsen muss weg

Der schwierigste Part für Scholz dürfte sein, sich sein schlumpfiges „Das weiß ich besser-Grinsen“ abzugewöhnen und stattdessen bei jedem öffentlichen Auftritt ein gewinnendes, strahlendes Lächeln aufzusetzen – abzuschauen bei Kamala Harris. Damit könnte er das Sparkassenfilialleitergesicht seines schärfsten Konkurrenten Friedrich Merz, den die Frauen nicht mögen, aus dem Rennen werfen. Ollie, mach dich locker!


Wochenrückblick in einfacher Sprache

Was war diese Woche nicht alles los: Die Bundeswehr hat nicht genug Schießpulver, die deutschen Kicker haben die Weltmeisterschaft verkackt, Olaf Scholz will trotzdem Bundeskanzler bleiben, immer mehr Geldautomaten werden gesprengt, Skifahren wird teurer, der Hype um E-Vapes ist gerade riesig, der südafrikanische Staatschef Cyril Ramaphosa hat eine halbe Million Dollar im Sofa versteckt, in den Residenzen der britischen Krone darf keine Gänsestopfleber (Foie Gras) mehr serviert werden, Helene Fischer zeigte sich komplett ungeschminkt und, während mein Blog mit 84 Abonnenten dahindümpelt, hat Donald Trump auf Twitter schon wieder 90 Mio. Follower – Qualität setzt sich eben durch.

Wir aber geben die Hoffnung auf bessere Nachrichten in der kommenden Woche nicht auf. Zum Beispiel diese:

  • Verkehrtminister Volker Wissing muss für 30 Tage in Vorbeugehaft wegen Ankündigung einer Straftat (will den Bau von Autobahnen schneller genehmigen)
  • Milka kündigt an, die nicht verkauften Schokoladenweihnachtsmänner der frierenden Bevölkerung in der Ukraine zur Verfügung zu stellen
  • Olaf Scholz von der Apothekenumschau zum Sexiest Man Alive gewählt
  • Ampel beschließt Bierpreisbremse (vulgo Bierdeckel)
  • Deutsche Kinder dürfen wieder unbekümmert Indianer spielen
  • Jürgen Lieser hat drei neue Follower.

Aber wahrscheinlich wird es wieder so sein wie in den vergangenen Wochen: Der Einzelhandel jammert über die mangelnde Kauflaune der Deutschen, der Benzinpreis steigt schon wieder, Elon Musk wird UN-Generalsekretär, Kamerun erreicht das WM-Halbfinale, Bundesbahn verspricht mehr Pünktlichkeit, oder so ähnlich.


Legal, illegal, scheißegal: Cum-Ex, die deutsche Justiz und der gesunde Menschenverstand

Erinnern wir uns: Über mehrere Jahre wurde der deutsche Fiskus durch Cum-Ex-Geschäfte um 36 Mrd. Euro geprellt. Das ist viel Geld. Geld, das gut für Schulen, Kitas, bessere Bezahlung von Pflegekräften und so´n „Gedöns“ (Gerhard Schröder) gebraucht worden wäre. Mehr als 1000 Beschuldigte, gegen die die Staatsanwaltschaft inzwischen ermittelt, haben sich Kapitalertragssteuer erstatten lassen, die sie gar nicht gezahlt hatten. Das war legal, sagen sie. Darauf muss man auch erst mal kommen. Erst im Juli 2021 hat die deutsche Justiz festgestellt, dass die Cum-Ex-Aktiengeschäfte Steuerhinterziehung sind und somit strafbar. Reichlich spät. Denn schon 2002 waren dem Finanzministerium die Cum-Ex-Geschäfte bekannt; aber erst zehn Jahre später haben die Behörden das Steuerschlupfloch geschlossen.

Geholfen haben bei dem Steuerbetrug seriöse Banken, wie z.B. die Warburg-Bank in Hamburg, die „anspruchsvolle Privatkunden“ betreut und gern „Lösungen für die Strukturierung, den Erhalt und den Ausbau Ihres Vermögens“ bietet. Die Bank hat, wer hätte das gedacht, Haltungen und Werte und schmückt sich auf ihrer Website mit einem Gedanken von Dietrich Bonhoeffer: „Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.“ Konkret sieht diese richtige Haltung dann so aus, dass die Bank für ihre Kundschaft Cum-Ex-Geschäfte tätigte und sich 169 Millionen Euro Steuern vom Hamburger Finanzamt erstatten ließ, die sie nie bezahlt hatte.

2016 erhob das Hamburger Finanzamt eine erste Rückforderung in Höhe von 47 Mio. Euro. Daraufhin suchte der Chef der Bank mit dem putzigen Namen Olearius („pecunia non olearit“ oder so ähnlich) Trost und Beistand bei Olaf Scholz, damals Erster Bürgermeister von Hamburg. Scholz konnte sich zunächst aber beim besten Willen nicht daran erinnern, überhaupt mit Olearius gesprochen zu haben. Als dann aus dessen Tagebuch hervorging, dass es sogar drei Gespräche zwischen Scholz und Olearius gegeben hatte, eines davon am 26. Oktober 2016, musste Scholz seine Erinnerungslücken korrigieren. An den Inhalt des Gesprächs kann sich Scholz bis heute leider nicht erinnern. Es liegt allerdings nahe, dass es um die Bundesligaergebnisse des HSV ging. Und dass Olearius zu den Großspendern der Hamburger SPD gehört, hat natürlich auch nichts mit der lästigen Steuergeschichte zu tun.

Man darf getrost annehmen, dass im Hintergrund bei den zuständigen Behörden heftig gemauschelt wurde, um die Steuerrückforderung zu verhindern. Kurz nach dem intimen Date von Olearius bei Scholz wurde nämlich die Steuerrückforderung fallengelassen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Offenbar hatte jemand bei der Finanzbehörde die geniale Idee, man könne die Steuerforderung doch einfach verjähren lassen. Das belegt ein Chatverkehr der zuständigen Finanzbeamtin Daniela P. mit einer Vertrauten, in dem sie von einem „teuflischen Plan“ sprach.

Die brisante Frage, mit der sich sowohl die Justiz als auch der Hamburger Untersuchungsausschuss diese Woche beschäftigt, lautet: Hat es eine politische Einflussnahme auf die Finanzbehörde gegeben, auf die Steuerrückforderung zu verzichten? Politisch verantwortlich waren zu dieser Zeit Olaf Scholz als Bürgermeister und sein Finanzdezernent Peter Tschentscher.

Die Generalstaatsanwaltschaft Hamburg hat nun ein Strafverfahren gegen Scholz und Tschentscher abgelehnt. Es gebe, so die Staatsanwaltschaft, keine „zureichenden tatsächlichen Anzeichen für den Verdacht, eine mutmaßliche Steuerhinterziehung der Warburg-Bank sei von Verantwortlichen der Hamburger Finanzverwaltung wissentlich oder willentlich gefördert worden“. Bemerkenswert an dieser Formulierung ist nicht nur der Persilschein für Scholz und Tschentscher, sondern dass die Staatsanwaltschaft von einer „mutmaßlichen (!!) Steuerhinterziehung“ spricht. Liebe Hamburger Staatsanwaltschaft: Ja, leck´s mi doch am Arsch (Hinweis: Im vorliegenden Fall ist der Straftatbestand der Beleidigung nach § 185 StGB nicht erfüllt; siehe Amtsgericht Ehingen vom 24. Juni 2009).

Damit wären wir wieder am Anfang der Affäre angelangt. Eine Steuerhinterziehung, die nur eine mutmaßliche ist, könnte ja irgendwie auch legal sein, oder?


Scholz und der Cum-Ex-Skandal: Gut zuhören und nix mehr lugen!

Olaf Scholz muss diese Woche schon wieder vor den Cum-Ex-Untersuchungsausschuss. Neues wird man da von ihm wohl nicht zu hören kriegen. Der gebürtige Kongolese Serge Menga Nsibu, Sympathisant der AfD und Betreiber eines Youtube-Kanals, erklärt uns seine Sicht des Cum-Ex-Skandals und dass „Deutschland groß Problem. Nämlich Alzheimer. Du vergessen wo Auto geparkt und Scholz hat Lucken im Kopf wegen Cum-Ex-Skandal“. Er fordert Scholz auf, „gut zuhören und nix mehr lugen!“ Hier seine durchaus originelle Ansprache:


Armin, Annalena oder Olaf: Wer kann Kanzler*in?

Zwei Männer und eine Frau bewerben sich um die Nachfolge von Angela Merkel als Regierungschef oder -chefin: Armin Laschet (CDU/CSU), Olav Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne). Andere Bewerber*innen um den Job sind bisher nicht bekannt. Eine/r von den Dreien wird´s wohl werden. Wer kann es werden? Wer wäre der bessere Kandidat, die bessere Kandidatin? Eine richtige Stellenausschreibung mit Anforderungsprofil, Eingangsvoraussetzungen usw. gibt es leider nicht, etwa so:

Wir (das deutsche Volk oder wer?) suchen für die Leitung der neuen Regierung ab Oktober 2021 eine führungsstarke Persönlichkeit (m/w/d/t/g/ob). Wir erwarten politische Weitsicht, emotionale Ausgeglichenheit, Durchsetzungsfähigkeit, Sitzfleisch für Nachtsitzungen, gepflegtes Äußeres, gendergerechte schriftliche und mündliche Ausdrucksfähigkeit, rhetorische Brillanz, Schlagfertigkeit, umfangreiche Detailkenntnisse in allen relevanten Politikfeldern, insbesondere Wirtschaft, Finanzen, Ökologie, Soziales, Bildung, Gesundheit, Innere Sicherheit, Verkehr, Steuern, Außen- und Sicherheitspolitik, und – last but not least – Charisma und sympathische Ausstrahlung. Jetzt darf mal kurz nachgedacht werden, wer von den bisherigen Menschen in diesem Amt alle genannten Eigenschaften und Fähigkeiten abdecken konnte: Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Angela Merkel? Na also.

Wir müssen also bereit sein, Abstriche zu machen. Was alle drei Kandidat*innen schon mal auszeichnet: Sie können Bücher. Wie auch immer diese zustande kommen.

Ganz frisch auf dem Markt ist Annalena Baerbocks „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern.“ Die Bücher von Olaf Schulz und Armin Laschet gehen, zumindest was der Titel verspricht, in eine ähnliche Richtung. Was auffällt ist das Buchcover:  Armin Laschet im allertiefsten Nachtschwarz, Olaf Scholz, dem man alles Mögliche, aber keine Gefühlsinkontinenz nachsagen kann, adrett gekleidet und mit dem immer gleichen verkniffenen Lächeln (hat der Mann nur eine Mimik?), und Annalena Baerbock als Selbstbewusstsein ausstrahlende „Jetzt sind wir dran-Frau“ um die Vierzig. Daran ist im Grunde nichts zu mäkeln. Doch zurück zu der Frage: Können sie auch Kanzler oder Kanzlerin?

Armin Laschet und Olaf Scholz können Regierungserfahrung in die Waagschale werfen. Bei Olaf Scholz könnten noch ein paar Leichen im Keller liegen (Cum-Ex-Geschäfte der Warburg-Bank, Wirecard-Skandal). Sein rhetorisches Repertoire („Scholzomat“) ist überschaubar. Der rheinisch-katholisch-joviale Armin Laschet war mal Dommessdiener in Aachen, eine Funktion, in der man sehr viel Weihrauch inhalieren muss und keine Führungsqualitäten entwickeln kann. Seine Lehrtätigkeit an der RWTH Aachen endete unglücklich, nachdem sich herausgestellt hatte, dass Studenten von ihm eine Klausurnote erhielten, obwohl sie nicht an der Klausur teilgenommen hatten. Na ja, kann im Eifer des Gefechts mal passieren und ist ja auch schon lange her. Jetzt ist Laschet Ministerpräsident von NRW. Sein engster Berater und Chef der Staatskanzlei ist der knallkonservative und homophobe Nathanael Liminski („kein Sex vor der Ehe“). Sollte Laschet Kanzler werden, wird Liminski wohl der neue Helge Braun. Das verspräche höheren Entertainment-Faktor.

Bei Annalena Baerbock liegen die Dinge anders. Sie kann keine Erfahrung in einem Regierungsamt aufweisen. Eine gewisse Perfektion im Trampolinspringen kann helfen, das Gleichgewicht zu halten, wenn der Wind stark von der Seite bläst. Das große Halali zur Treibjagd auf Annalena tönt seit Wochen durch die Medienlandschaft. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hat zwar mit ihrer Anzeigenschmutzkampagne „Wir brauchen keine Staatsreligion“ kein gutes Händchen bewiesen. Hans-Georg Maaßen, dem Rechtsaußen der CDU, verdanken wir den aufschlussreichen Hinweis auf den Zusammenhang zwischen dem vollen Namen von Annalena Charlotte Alma Baerbock und dem Slogan „All Cops Are Bastards“. Und natürlich gehört der Vorwurf, Passagen in Baerbocks Buch seien abgeschrieben, schon zum Standardrepertoire von Hetzkampagnen. Die Ausgangsfrage „Wer kann Kanzler*in“ ist nicht abschließend zu beantworten. In aller Bescheidenheit: Nicht dass ich selbst an eine Bewerbung denken würde, aber es gibt durchaus prägende Etappen in meinem Lebenslauf, die mir helfen würden, den hohen Anforderungen an das Amt des Bundeskanzlers gerecht zu werden: Als Schülerlotse im Kindesalter habe ich durch aktive Eingriffe in den Straßenverkehr Durchsetzungsvermögen und Machtinstinkt bewiesen. Beim regelmäßigen Blutspenden in der Studienzeit zum Zwecke des wirtschaftlichen Überlebens wurden mir tiefe Einblicke in die politischen Handlungsfelder Gesundheit, Wirtschaft und Soziales ermöglicht. Nein, gedient habe ich nicht, aber Kriegsdienst verweigern und als „Entwicklungshelfer“ unterentwickelten Naturvölkern die Segnungen der westlichen Zivilisation beizubringen, sind gute Voraussetzungen für eine auf eigene wirtschaftliche und machtpolitische Interessen ausgerichtete Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik. Einzig an meinem äußeren Erscheinungsbild müsste ich noch arbeiten – obwohl, es gibt vergleichbare Präzedenzfälle:

Und falls jetzt jemand ruft: Zu alt! -, was bitte schön ist dann mit Winfried Kretschmann, gerade wiedergewählter Ministerpräsident von Baden-Württemberg, oder UN-Generalsekretär António Guterres, ebenfalls für eine weitere Amtszeit wiedergewählt – beide mein Jahrgang 1948? Und erst Joe Biden, Jahrgang 1942??

Aber wie gesagt, ich sehe von einer Bewerbung ab, obwohl ich mich durchaus für geeignet halte. Mir wäre der Job zu stressig. Auf die Siesta nach dem Mittagessen müsste ich meistens verzichten, und der Hund käme auch nicht auf seine Kosten, dito die Frau. Will man das? Nein.