Mein Hund, der Zeitgeist und ich (4)

Treue Leser/innen dieses Blogs wissen, dass ich Begegnungen mit dem Zeitgeist versuche aus dem Weg zu gehen. Weil aber unsere Hunde – dem Zeitgeist seiner und meiner – regelmäßig raus müssen, bleibt es nicht aus, dass wir uns über den Weg laufen. Und weil die Hunde sich mögen, können wir Hundebesitzer schlecht schweigend dabeistehen und den Hunden beim Spielen zuschauen. Man will ja nicht unhöflich sein und spricht miteinander.

Unverfänglich sind Themen, die sich um das Wetter oder um die Hunde drehen, wie etwa Frequenz und Konsistenz des Stuhlgangs oder die letzte Tierarztrechnung. So Hundesmalltalk halt. Aber neulich fing der Zeitgeist wieder damit an, mir ungefragt seine politischen Ansichten um die Ohren zu hauen – der Zeitgeist beruft sich gerne auf den gesunden Menschenverstand und auf das Internet als Quellen seiner Weisheiten. Ob ich nicht auch finde, dass das ganze Klimaschutzgedöns der Bundesregierung nichts bringt, weil wir ja nur 1,5 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes produzieren, während die Chinesen, usw. Und dass die Regierung endlich die Migration in den Griff kriegen muss und Söder recht hat, dass wir eine Obergrenze brauchen. Und was das für ein Irrsinn sei, Steuergelder für Fahrradwege in Peru rauszuschmeißen. Und der Gipfel sei ja wohl die 1000-Euro-Arschhochprämie für Bürgergeldempfänger, die einen Job aufnehmen. Und dann die 1,5 Mrd. Euro, die der Staat zur Finanzierung des Deutschlandtickets reinbuttert.

Auf meinen dezenten Hinweis, dass das Dienstwagenprivileg den Staat 5,5 Mrd. im Jahr kostet, und dass das Deutschlandticket einer Studie zufolge zu weniger klimaschädlichen Emissionen im Verkehrssektor geführt hat, und dass der geschätzte Schaden durch die CumCum-Geschäfte zu Steuerverlusten von 28,5 Mrd. Euro  geführt hat, hat ihn nur noch wütender gemacht. Das sei typisch für die Grünen. Die, besonders der Habeck, hätten das Land an den Abgrund gewirtschaftet. Auf diesen Kokolores fiel mir kein Argument mehr ein, außer dem Zeitgeist vielleicht den eben aufgesammelten Hundekot ins Gesicht zu schmieren. Was ich natürlich nicht getan habe (aus Rücksicht auf das Schamempfinden meines Hundes), sondern unser Gespräch mit dem schönen Bonmot von Robert Habeck beendet habe: Ist halt so! Schönen Mittag noch!


Von Söders Gnaden: Merz darf Kanzler

Söder zu Merz: Friedrich, Dir ist schon klar, dass ich der bessere von uns beiden bin. Meine Sympathiewerte sind viel höher als deine. Bei den Frauen hast du, anders als ich,  keine Chance; viele Frauen hätten gern ein Kind von mir. Aber ich lasse dir den Vortritt für die Kanzlerkandidatur, wenn du mir eines versprichst:

KEINE KOALITION MIT DEN GRÜNEN!!!!

Und du sorgst bitte dafür, dass das Recht auf Schweinsbraten im Grundgesetz garantiert wird, meinetwegen anstelle des Rechts auf Asyl. Haben wir uns verstanden?


Anstrengungsloser Wohlstand? Das Märchen von den fleißigen Reichen und den faulen Armen

Ein Gespenst geht um in Deutschland: Die Angst vor dem Wohlstandsverlust. Die größte Sorge der Deutschen scheint derzeit der schwächelnden Wirtschaft zu gelten. Von Parteien, Medien, Wirtschaftsverbänden, Wissenschaftlern werden Schreckensszenarien beschrieben. So schlimm, echt jetzt? Was muss passieren, damit es mit der Wirtschaft wieder bergauf geht? Ampelparteien und Opposition überbieten sich mit Vorschlägen, wie Deutschland wieder Anschluss an die Wachstumsraten der führenden Industrienationen findet. Ohne Wachstum sei unser Wohlstand gefährdet, heißt es. Die CDU warb für die Europawahl mit dem Slogan „Wohlstand braucht Ihre Stimme“ – eine inhaltsleere Phrase.

Das Ende des billigen Wohlstands

So nennt Wolfgang Kessler, langjähriger Chefredakteur der Zeitschrift „Publik-Forum“,  sein 2023 erschienes Buch. Er plädiert darin für ein neues Wohlstandsmodell, „eines, das nicht auf Kosten des Klimas, der Natur und der Ärmsten geht“. Die CDU/CSU fordert, kaum verwunderlich, etwas anderes: Nämlich das Ende des Alowosta – des anstrengungslosen Wohlstands. „Wir brauchen eine Agenda für die Fleißigen, für diejenigen, die sich anstrengen“ – so der CDU-Chef Merz an diesem Wochenende auf dem Parteitag der CSU in Augsburg. Und ähnlich wie Söder (dessen prolligem Bierzeltgepolter wir hier die Aufmerksamkeit versagen wollen) fordert Merz, die Bürger zu mehr Engagement und einem „neuen Leistungswillen“ zu bewegen. Wie der CSU-Vorsitzende Söder regt er die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht für junge Leute an. Das Bürgergeld, sagt er, werde unter ihm in der bisherigen Form nicht fortbestehen.

Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder?

Der FDP-Chef Christian Lindner vermisst bei den Deutschen die „Lust auf die Überstunde“. Warum sagt er nicht gleich, was er meint, nämlich dass die deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu faul sind? Hallo, liebe Kassiererin an der Supermarktkasse, liebe Müllwerker, liebe Altenpflegerin: Macht doch mal ´n paar Überstunden, am besten ohne Bezahlung! Damit dieses Land wieder auf die Beine kommt!

So viel Polemik muss sein: Bei dem Gerede vom Alowosta sind nicht etwa die Reichen gemeint, die von Ihrer Kapitalrendite leben, ohne dafür einen Finger krumm zu machen, auch nicht die CumCum-Profiteure, die durch ihre Steuertricks dem deutschen Staat einen geschätzten Schaden in Höhe von 28,5 Milliarden Euro zugefügt haben. Nein, gemeint sind die arbeitsunwilligen Bürgergeldempfänger, die sich auf Kosten der hart arbeitenden Mittelschicht ein schönes Leben machen.

CDU und FDP wollen das Bürgergeld in seiner jetzigen Form abschaffen und durch ein anderes Modell ersetzen. Weil, so wird argumentiert, zu viele Bürgergeldbezieher Arbeitsangebote ablehnen und lieber auf der faulen Haut liegen, anstatt eine Arbeit anzunehmen.

Anstrengungsloser versus obszöner Wohlstand

Die Chefs von Dax-Unternehmen verdienen viel Geld. Der Vorstandschef der Deutschen Bank Christian Sewing hat 2022 9,2 Millionen Euro verdient. mehr als jeder andere Dax-CEO. Darüber können die bestbezahlten Profifußballer nur müde lächeln. Christiano Ronaldo hat in der letzten Saison 136 Millionen US-Dollar „verdient“, oder sagen wir mal: bekommen. Das sind umgerechnet in der Woche 2,6 Millionen bzw. am Tag 372.000 Dollar. Selbst wenn man jeden Tag vergoldete Steaks isst, zweiundreißig Luxussportwagen in der Garage hat und 100.000 Euro für eine Armbanduhr ausgibt, bleibt immer noch viel übrig. Die Profifußballer und Großverdiener lassen sich jetzt von Saudi-Arabien kaufen und kicken im Wüstensand.

Nur wird in diesen Fällen niemand von anstrengungslosem Wohlstand reden wollen. Diese Leute haben hart dafür gearbeitet – meinen sie. Welches Attribut wäre hier angemessen? Wohlverdienter Wohlstand? Obszöner Wohlstand? Immerhin wird immer klarer, mit was wir zu rechnen haben, wenn die CDU die Mehrheit bei den nächsten Wahlen erringt und den Kanzler stellt. 


Kanzlerkandidatin Alice Weidel: Machtphantasien einer Rassistin

Heute die Fortsetzung unserer Serie zum Rennen um die Kanzlerschaft. Scholz will unbedingt Kanzler bleiben. Was er dafür von Taylor Swift lernen kann, haben wir in einem Beitrag am 28.09.2024 erklärt. Für die AfD geht Alice Weidel ins Rennen. Nach Bimbes- und Brioni-Kanzler, Teflon-Angie und Scholzomat demnächst eine Klimaleugnerin und Rassistin im Kanzleramt? Die Stellenbeschreibung für den Kanzlerjob macht dazu keine besonderen Vorgaben.

„Machtergreifung“ nach dem Beispiel von Thüringen?

Die rechtsextremistische, stark von Moskau beeinflusste AfD träumt von der Machtergreifung. So weit wird es nicht kommen. Es fehlen ihr die Koalitionspartner, so dass eine Regierungsbildung selbst bei einem sehr guten Wahlergebnis unrealistisch wäre. Für eine Wahl im Deutschen Bundestag braucht ein/e Kandidat/in 50 Prozent der Stimmen. Eine Kostprobe für Machtmissbrauch hat die AfD kürzlich bei der konstituierenden Sitzung des Thüringer Landtags geliefert. Das kann man sich live auf der Website des Thüringer Landtages anschauen.

Worauf man sich einstellen müsste, wenn die AfD regieren würde, lässt sich in ihrem 10-Punkte-Programm nachlesen: Eine repressive Migrationspolitik („wir brauchen dringend Remigration“), eine rückwärtsgewandte Energie- und Verkehrspolitik, eine ablehnende Haltung zur EU, ein Abbau von Sozialleistungen und Klimaschutzmaßnahmen, steuerliche Entlastungen für Spitzenverdienende. Wobei das nur die weichgespülte Fassung der politischen Ziele der AfD ist. Aufschlussreicher sind diverse Äußerungen, mit denen Alice Weidel ihr wahres Gesicht zeigt.

„Burkas, Kopftuchmädchen, alimentierte Messermänner und andere Taugenichtse“

Alice Weidel leugnet nicht nur den menschengemachten Klimawandel, sondern sie hat ihre eigenen Ansichten über geflüchtete Menschen. Migranten sind per se Kriminelle, Grabscher und Taugenichtse. In einer Rede vor dem Bundestag hat sie von „Burkas, Kopftuchmädchen, alimentierten Messermännern und anderen Taugenichtsen“ gesprochen. Das hinderte sie offenbar nicht daran, ein „Kopftuchmädchen“ aus Syrien schwarz und illegal in ihrem Haushalt zu beschäftigen. Nachdem sie dabei erwischt worden war, wurden aus der Schwarzarbeit „unentgeltliche Freundschaftsdienste“.

Das Gelaber vom „Großen Austausch“

Weidels Verbindungen zu rechtsextremen Kreisen, z.B. dem Rechtsextremisten Götz Kubitschek, der identitären Bewegung oder der rechtspopulistischen FPÖ in Österreich sind bekannt. Gemeinsam mit diesen und anderen Rechtsextremen vertritt sie die Forderung nach „Remigration“. Weidel ist zudem bekennende Anhängerin der Verschwörungstheorie der „Umvolkung“, der Theorie vom Großen Austausch. Mit dem politischen Kampfbegriff des Großen Austauschs wird behauptet, durch die Einwanderung von Menschen aus dem globalen Süden, insbesondere von Muslimen, soll die weiße Mehrheitsbevölkerung in den westlichen Staaten ausgetauscht werden. Weidel spricht in dem Zusammenhang von „kulturfremden Völkern, von denen wir überschwemmt werden“ und von der „Auffettung der Einwohnerzahl durch zugewanderte Straftäter mit mehrfachen Identitäten“ sowie einer „Strategie des Generationenersatzes durch eine ungeregelte Zuwanderung“ mit der die Regierung angeblich sich das „Volk selbst aussuchen und zusammenstellen“ will.

Kann Weidel Kanzlerin?

Es ist das erste Mal, dass die AfD mit einer Kanzlerkandidatin in den Bundestagswahlkampf geht. Einer Kandidatin zudem, die lesbisch ist und in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft mit zwei Kindern in der Schweiz lebt und die damit gar nicht dem konservativen Familienbild der AfD entspricht. Weidel ist jung, gutaussehend und sprachgewandt, gilt aber in Insiderkreisen als faul. Die AfD-Chefin und ihre Parteikollegen haben die höchsten Fehlzeiten im Bundestag. Wer Weidel bei Ihren (Wut)Reden im Bundestag beobachtet, dem werden ihre einstudiert wirkenden, hölzernen Reden auffallen, die getränkt sind mit Pathos und begleitet von einer übertriebenen Gestik und Mimik. Wenn wir also hier eine Empfehlung an Alice Weidel aussprechen wollen – ohne damit ihren Machtphantasien Vorschub leisten zu wollen: Alice, mach dich locker!


Was Olaf Scholz von Taylor Swift lernen kann

Das Rennen um die Kanzlerschaft ist eröffnet. Scholz will unbedingt Kanzler bleiben, Merz will ihn aus dem Amt vertreiben. Söder hätte auch gerne gewollt, aber er „ist fein“ mit Merz. Sagt er. Für die AfD geht Alice Weidel ins Rennen. Die Grünen und die FDP haben sich noch nicht erklärt. Wenn, dann kommen wohl nur Habeck und Lindner in Frage. Wobei: Wollt ihr im Ernst eine Kanzlerkandidatur anmelden, wenn ihr gerade mal froh sein könnt, die Fünfprozenthürde zu schaffen? Sarah Wagenknecht vom BSW sagt: Wenn alle kleinen Parteien einen Kanzlerkandidaten stellen (sie gendert nicht), dann müssen wir notgedrungen auch. Dreimal darf geraten werden, wer das dann sein wird.

Wir wollen hier in den nächsten Monaten die Kandidatinnen und Kandidaten für die Kanzlerschaft unter die Lupe nehmen, ihre jeweiligen Erfolgsaussichten analysieren und Empfehlungen für einen erfolgreichen Wahlkampf geben. Den Anfang macht Olaf Scholz.

Mehr Glitzer

Was Olaf Scholz, aber auch die anderen Aspiranten von Taylor Swift lernen können: Für seine öffentlichen Auftritte wäre mehr Glitzer hilfreich. Taylor Swift ist eine Pop-Ikone mit Kultstatus. Sie ist überaus erfolgreich im Musikgeschäft, sieht gut aus, setzt sich für Frauenrechte ein, hat Millionen von Fans, die sich Swifties nennen und für ein Konzert ihres Idols um die halbe Welt reisen. Das alles kann Olaf Scholz nicht für sich in Anspruch nehmen. Sein Aussehen, sein Auftreten, seine gesanglichen Fähigkeiten, seine Fans – da gibt es doch einen deutlichen Abstand zu Swift. Die Zahl der Scholzies ist noch sehr überschaubar. Scholz muss also noch hart an seinem Kultstatus arbeiten und seine Beliebtheitswerte beim ZDF-Politbarometer oder auf dem Likeometer (www.likeometer.co in die Höhe treiben. Das fängt mit der Körperhaltung an: Warum immer die linke Hand stocksteif am mittleren Knopf des Jackets halten? Warum sich beim Staatsempfang in der Türkei nicht mal in den Schritt greifen? Erdogan würde das sofort als Zeichen der Solidarität verstehen.

Herr Ober, bitte eine Portion Führung!

Scholz muss sich unbedingt als Markenzeichen einen anderen Spruch ausdenken. „Wer bei mir Rührei bestellt, der bekommt Rührei“ reißt die Wählerschaft nicht aus dem Tiefschlaf. Donald Trump hat sein MAGA (Make America Great Again). Otto Rehagel sein „Hier kann jeder sagen, was ich will“ und Boris Pistorius sein „Wir müssen kriegstauglich werden“. Damit hat er es glatt zum beliebtesten Politiker Deutschlands geschafft. Was könnte man Scholz empfehlen? „You’ll never walk alone?“ „Man muss dafür Sorge tragen“? „Daran kann ich mich nicht mehr erinnern?“

Wie man die Jugend gewinnt

Wenn Scholz den Bundestag betritt, dann meistens mit seiner legendären, speckigen Aktentasche. Manchmal schleppt er sie auch bei offiziellen Anlässen mit sich. Was da alles so drin ist, hat er neulich mal auf TikTok zum Besten gegeben. Ob er damit mehr Anhänger unter den jugendlichen Wählern gewinnen konnte? Dafür müsste Scholz schon eher mal mit dem Skateboard in den Bundestag rauschen, mit weißen Sneakers und einem Hoodie mit „Fuck AfD“-Aufdruck bekleidet, und zu seinem Vizekanzler Habeck sagen: „Ey Digga, der Merz macht wieder voll Stress. Ich mach aber heute eher auf Lock“. Oder wäre das etwa mega cringe?

Das schlumpfige Grinsen muss weg

Der schwierigste Part für Scholz dürfte sein, sich sein schlumpfiges „Das weiß ich besser-Grinsen“ abzugewöhnen und stattdessen bei jedem öffentlichen Auftritt ein gewinnendes, strahlendes Lächeln aufzusetzen – abzuschauen bei Kamala Harris. Damit könnte er das Sparkassenfilialleitergesicht seines schärfsten Konkurrenten Friedrich Merz, den die Frauen nicht mögen, aus dem Rennen werfen. Ollie, mach dich locker!


Grenzen schließen?

Plötzlich wollen alle, was die AfD schon immer will: Die Grenzen schließen. Deutschland den Deutschen. Ausländer raus. Geht das überhaupt? Bringt das was? Wohin soll das noch führen? Wir müssen reden.

Nicht die Flüchtlinge sind die Bedrohung, sondern die rechten Agitatoren

Die notwendige Diskussion um eine funktionierende Asyl-, Aufnahme- und Integrationspolitik wird zunehmend beherrscht von einem hysterischen Überbietungswettbewerb der Parteien, wie Zuwanderung begrenzt, das Recht auf Asyl ausgehebelt und Integration erschwert werden soll. Unter dem Stichwort „illegale Migration begrenzen“ überbieten sich nicht nur rechte und konservative Parteien, sondern auch liberale Kräfte. Dabei wird gerne verschwiegen, dass eine legale Migration nach Deutschland überhaupt nur sehr begrenzt möglich ist.

Die Forderung nach einer Schließung der Grenzen ist längst kein Alleinstellungsmerkmal der rechtsextremistischen AfD mehr. CDU-Chef Merz will „Asylbewerber an den deutschen Grenzen abweisen“ und droht der SPD, wenn die nicht mitzieht. Söder pöbelt gegen Ausländer, stellt das Asylrecht in Frage und behauptet wahrheitswidrig, das Bürgergeld werde überwiegend an Menschen gezahlt, „die eben nicht aus Deutschland sind“. Auch die CSU ist für „Zurückweisungen“ an den Grenzen, die FDP schließt sich an. SPD und Grüne eiern noch rum. Rolf Mützenich hat im Zuge der aktuellen Migrationsdebatte „keine Denkverbote“ gefordert.

Dazu passt, dass CDU und AfD 2023 gegen das neue Gesetz zur Fachkräfteeinwanderung  gestimmt haben. Also am besten absolute Abschottung gegen Zuwanderung? Und was kommt als Nächstes? Schlimmer geht immer.

Kein Wunder also, dass die Stimmung gegenüber ausländischen Mitbürgern sich verschlechtert. Die Idee der Grenzschließung findet in der Bevölkerung verstärkt Zustimmung. Islamistische Terrorakte wie der von Solingen sind Anlass, Stimmung gegen „die Ausländer“ zu machen und alle unter einen Generalverdacht zu stellen. Der Kanzler will „endlich im großen Stil abschieben“. Er meint zwar diejenigen, die kein Bleiberecht in Deutschland haben, aber er sollte eigentlich wissen, dass das mit dem Abschieben wegen praktischer und juristischer Hürden nicht so eben mal zu machen ist. Wahltaktisch mögen solche Äußerungen gut ankommen, für die Stimmung im Land sind sie aber verheerend.

Rechtsextreme Kreise möchten bestimmte Menschen nicht in Deutschland haben und verbreiten die Erzählung vom „großen Austausch“, wonach die Migration von geheimen Eliten gesteuert wird, um das eigene Volk auszulöschen. Dabei werden alle Menschen aus dem globalen Süden als eine Gefahr für den „Volkstod“, also für die Vernichtung der deutschen Kultur und Lebensweise angesehen. 

Der überforderte Staat. Oder: Wer bringt dann noch die Post?

Aktuell leben ca. 3,1 Millionen geflüchtete Menschen in Deutschland, darunter über eine Million aus der Ukraine. Es sind Armutsflüchtlinge, Kriegsflüchtlinge, Asylsuchende oder Geduldete. Vier Prozent (= 137.000) davon sind ausreisepflichtig. Über eine Million kamen in den letzten beiden Jahren aus der Ukraine. Ja, es gibt unter den Geflüchteten Problemgruppen und Straftäter. Richtig ist auch, dass die Versorgung der Flüchtlinge, die ihren Lebensunterhalt (noch) nicht selbst bestreiten können, von der Solidargemeinschaft getragen werden muss. Trotzdem ist die Behauptung, dass Deutschland durch die Zuwanderung überfordert sei, problematisch. Und erst recht unseriös ist die Stigmatisierung der Geflüchteten nur unter dem Gesichtspunkt der Belastung für unsere Gesellschaft und unser Sozialsystem. Der deutsche Arbeitsmarkt würde kollabieren, wenn von heute auf morgen die ausländischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wegfallen würden. Man muss sich nur umsehen: Wer macht die Arbeit in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, wer fährt Taxi oder Bus, wer arbeitet auf dem Bau, in der Gastronomie, wer bringt die Post?    

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“

Mal abgesehen davon, dass eine Grenzschließung nach deutschem, europäischem und internationalem Recht gar nicht möglich wäre (aber wen interessiert das schon) und eine moralische Bankrotterklärung angesichts von weltweiten Kriegen, Katastrophen und Klimakrisen: Wie könnte eine Schließung der deutschen Grenzen praktisch funktionieren? Eine Staatsgrenze wirksam zu sichern, geht nur mit Mauern und Zäunen, die mit entsprechenden Sicherungsanlagen ausgestattet sind. Ohne Schießbefehl ist das nicht zu machen. In Deutschland hatten wir das schon mal 30 Jahre lang. Aktuelle Anschauungsbeispiele: Die israelischen Sperranlagen im Westjordanland, der Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko, die Zäune um die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla, die Grenzanlagen zwischen dem griechischen und türkischen Teil Zyperns.

Wenn schon Grenzen schließen, warum dann nicht richtig?

Die utopische Forderung nach „no borders“, nach einem Europa ohne Grenzen oder gar nach einer grenzenlosen Welt ist ausgeträumt, seit Menschen aus den Armuts- und Krisengebieten der Welt die Flucht nach Europa suchen und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen. Die Forderung nach Schließung der Grenzen ist nur für Menschen aus dem globalen Süden und nur in eine Richtung gemeint (der freie Warenverkehr muss selbstverständlich weiter gewährleistet bleiben). Im Chemieunterricht lief das unter „semipermeable Membran“, die für bestimmte Stoffe (= Flüchtlinge) nur in eine Richtung durchlässig ist. Die Tourismusbranche müsste sich keine Sorgen machen: Deutsche dürfen selbstverständlich weiterhin ungehindert das Land verlassen und auf Mallorca Nazi-Parolen grölen oder sich auf Kreuzfahrtschiffen von schlechtbezahlten Menschen aus dem globalen Süden verwöhnen lassen. Aber mal jenseits aller Polemik: Warum die Grenzen nicht konsequent und in beide Richtungen schließen? Nicht nur für Menschen, sondern auch für Waren? Vermutlich wären wir mit unserer sozialen Marktwirtschaft, unserer Demokratie, unserer offenen Gesellschaft und unserem Wohlstandsniveau schnell am Ende.


Nach Solingen: Hilft eine Verschärfung des Asylrechts gegen islamistischen Terrorismus?

Die schreckliche Tat eines islamistischen Attentäters in Solingen wird dazu benutzt, Stimmung im Land gegen Flüchtlinge zu schüren und auf eine verschärfte Asylpolitik zu drängen. Allen voran AfD und BSW, aber auch CDU, CSU und FDP. Sie alle fordern jetzt – nach den üblichen Phrasen der Betroffenheit – einen härteren Kurs in der Asylpolitik. Merz redet von einer „naiven Einwanderungspolitik“ der Ampelregierung und verlangt einen Aufnahmestopp für Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien. Das ist wohlfeil, weil die Rechtslage dies gar nicht zulässt. Schon mal was vom Grundrecht auf Asyl oder von der Genfer Flüchtlingskonvention gehört, Herr Merz? Egal, Hauptsache ein populistisches Statement rausgehauen, mit dem Vorurteile gegen Ausländer bedient und eine ausländerfeindliche Stimmung im Land geschürt wird – und von dem sich der CDU-Chef Zulauf von rechtem Wählerpotenzial bei den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg erhofft.

Solingen – da war doch schon mal was …

Schon vergessen? Am 26. Mai 1993 wurde das Grundgesetz mit dem neuen Artikel 16a geändert und damit das Asylrecht eingeschränkt. Drei Tage danach, am 29. Mai 1993, starben fünf Menschen türkischer Abstammung bei einem Brandanschlag in Solingen. Die Täter waren keine Asylbewerber, sondern ein rechtsradikaler Mob. Die Polizei schaute damals tatenlos zu. 

Muss mehr abgeschoben werden?

Ja, der Täter von Solingen hätte abgeschoben gehört. Die Rechtslage erlaubt Abschiebungen, und wir können froh sein, dass dies nicht willkürlich und nach der Tageslaune von Politikern im Wahlkampf geschieht, sondern nach rechtsstaatlichen Verfahren. In meinem persönlichen Umfeld wurde vor wenigen Tagen ein altes Ehepaar aus dem Irak nachts um ein Uhr von der Polizei aus dem Bett geholt, nach Frankfurt verbracht und am gleichen Tag in einem Charterflug nach Bagdad/Irak abgeschoben. Rechtlich waren die Möglichkeiten ausgeschöpft. DerFall ist dennoch moralisch fragwürdig und menschlich tragisch. Die beiden Alten waren nach Deutschland gekommen, um in der Nähe ihres Sohnes und der Enkelkindern zu sein.

Es wird also abgeschoben, und zwar nicht zu knapp, wie die offiziellen Zahlen belegen (und was Politiker wie Merz eben nicht erwähnen):

2023 waren es insgesamt 16.430 Abschiebungen, also deutlich mehr als im Vorjahr. Im Jahr 2022 waren es 12.945 Menschen, 2021 waren es 11.982 und 2020 insgesamt 10.800 Menschen. Im ersten Quartal 2024 hat es insgesamt 4.791 Abschiebungen gegeben, was wiederum eine Steigerung gegenüber 2023 bedeutet. Wer also verstärkte Abschiebungen fordert, sollte sich einfach mal die Zahlen anschauen.

Naive Einwanderungspolitik?

Die jetzt wieder allenthalben erhobene Forderung nach einer verschärften Asylpolitik ignoriert, dass die deutsche und europäische Asylpolitik seit Jahren die Möglichkeiten und Rechte von Asylsuchenden und Flüchtlingen einschränkt. Trotzdem wirft die CDU der Regierung eine naive Einwanderungspolitik vor. Mal abgesehen davon, dass die Öffnung der Grenzen 2015 unter einer CDU-geführten Regierung erfolgte: Für den  immer wieder behaupteten Zusammenhang zwischen einer humanen Flüchtlingspolitik und der Anzahl islamistischer Straftaten gibt es keinen Beleg. Laut Bundeskriminalamt hat die Zahl islamistischer Gefährder in Deutschland zuletzt abgenommen.   

Ein Bündnis zivilgesellschaftlicher Organisationen und Wohlfahrtsverbände hat im November 2023 von der Bundesregierung Maßnahmen für eine funktionierende Asyl-, Aufnahme- und Integrationspolitik gefordert (hier nachzulesen). Das werden die rechten Hardliner naiv finden. Richtig ist allerdings: Weder eine gute Aufnahme und schnelle Integration von Geflüchteten noch eine restriktivere Asylpolitik werden politisch motivierte Attentäter von ihren Plänen abhalten können. Das ist die bittere Erkenntnis aus dem jüngsten Attentat von Solingen.


FDP auf dem Weg in die automobile Steinzeit

Die deutschen Autofahrer können aufatmen: Die FDP will Schluss machen mit der „grünen Anti-Auto-Politik der Bevormundung“. Sie fordert mehr Platz für den Autoverkehr, kostenloses Parken in Innenstädten, weniger Fahrradstraßen und weniger Fußgängerzonen. Jugendliche sollen schon mit 16 Autofahren dürfen. Motorsport soll statt Schwimmen Pflichtfach in der Grundschule werden. Auf Autobahnen soll die linke Spur nur noch von Besserverdienenden mit SUVs genutzt werden dürfen.

Leute, die Fahrradfahren oder zu Fuß gehen, tragen ja nichts zum wirtschaftlichen Aufschwung bei. Dazu passt die gleichzeitige Forderung nach einer Kürzung des Bürgergelds.

Meine Empfehlung an die FDP: Wie wäre es mit einer Umbenennung in „FDAP = Freie dieselvernebelte Autofahrerpartei“? Mindestens 20 Prozent der Wählerstimmen sind euch dann auf jeden Fall schon mal sicher.


Thomas Ruttig über die deutsche Abschiebepolitik nach Afghanistan

Thomas Ruttig, einer der besten Kenner Afghanistans, beschreibt in seinem Blogbeitrag, wie deutsche Politiker einen Einzelfall zum Anlass nehmen, afghanische Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen, ihren subsidiären Schutz abschaffen wollen und ihre Abschiebung nach Afghanistan fordern. Und das, obwohl solche „Rückführungen“ rechtlich gar nicht möglich sind.

Eine sehr ausführliche, aber lesenswerte Analyse, die zeigt, wie das Gedankengut der AfD und rechter Medien mehr und mehr in der deutschen Politik salonfähig wird.

Eine Kurzfassung des Blogbeitrag ist am 13. August 2024 in der taz erschienen: https://taz.de/Archiv-Suche/!6026793&s=afghanistan&SuchRahmen=Print/


Bundeshaushalt 2025: Kürzungen bei Entwicklungshilfe und humanitärer Hilfe

Heute berät das Bundeskabinett den Haushalt 2025. Geplant sind drastische Kürzungen der Gelder für die Entwicklungszusammenarbeit (knapp eine Milliarde Euro weniger als 2024) und für die humanitäre Hilfe, die beim Auswärtigen Amt verwaltet wird und die jetzt um mehr als 50 Prozent gekürzt werden soll. Bereits 2024 waren die Mittel für beide Ressorts deutlich gekürzt worden (siehe meinen Blogbeitrag vom 28.03.2024: Armutszeugnis für ein reiches Land: Bundesregierung kürzt Entwicklungshilfe und humanitäre Hilfe).

Hilfsorganisationen schlagen Alarm: „Die Kürzungen des Bundes bei der humanitären Hilfe sind dramatisch“ – so der Leiter von Caritas international in der Badischen Zeitung vom 11. Juli 2024.

Die Ampel-Regierung scheint darauf zu setzen, dass Entwicklungshilfe unpopulär ist und dass Kürzungen bei der Bevölkerung auf wenig Widerstand stoßen. „Germany first“ als handlungsleitendes Motiv kommt offenbar nicht mehr nur bei rechten und konservativen Kreisen gut an. Auch die Medien beteiligen sich an der populistischen Stimmungsmache gegen die Entwicklungshilfe. Da werden die geplanten Kürzungen beim Agrardiesel gegen die Finanzierung von Radwegen in Peru ausgespielt – so zum Beispiel in einem Interview des ARD-Morgenmagazins mit Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze am 17.01.2024.

Das viel zitierte Beispiel „Bau von Radwegen in Peru“ muss seit Monaten dafür herhalten, den Sinn von Entwicklungshilfe in Frage zu stellen.

Es ist ein Armutszeugnis, wenn ein reiches Land wie Deutschland meint, sparen zu müssen bei der Hilfe für arme Länder und für die Opfer humanitärer Katastrophen wie derzeit in Syrien oder in Gaza. Der Haushaltsentwurf muss im Herbst noch den Bundestag passieren. Bis dahin ist noch Zeit, den Koalitionspartnern SPD und Grüne ins soziale Gewissen zu reden. Vom Koalitionspartner FDP dürfte ein Meinungsumschwung nicht zu erwarten sein. Diese 5-Prozent-Partei hat keine Skrupel, gegen alles zu sein, was vernünftig und moralisch geboten ist, wie zum Beispiel die Zuckersteuer, ein Tempolimit, das Lieferkettengesetz, die staatliche Förderung von Erneuerbaren Energien, das Verbrenner-Aus in der EU, und eben auch die weltweite Armutsbekämpfung und die humanitäre Hilfe, die in der Werteskala der FDP weit hinter der Steuerentlastung für Besserverdienende rangieren. So viel Polemik muss an dieser Stelle sein.